Gedanken zu den Schriftlesungen zum Tag
von Prior P. Jakob Deibl
Die Gedanken, die wir, die Gemeinschaft der Benediktiner von Melk, an dieser Stelle mit Ihnen teilen wollen, beziehen sich auf die biblischen Texte, die für die Liturgie des jeweiligen Tages vorgesehen sind.
Gedanken zu den Schriftlesungen
Die frühen Gemeinden, die wir im Rückblick schon „christlich“ nennen, von denen wir aber eher sagen müssten, es waren Menschen, die Jesus auch nach seinem Tod die Treue halten wollten (sie sprachen gar von seiner Auferstehung und seiner Präsenz im Geist); diese frühen Gemeinden und die Schriftsteller, die ihnen Texte gaben (die Evangelien, die Briefe) standen vor dem großen Problem, wie man den Tod Jesu, des Messias, dem sie nachgefolgt waren, deuten sollte. Das war ein ernstes Problem: Der erhoffte Befreier und Messias war gekreuzigt worden und wie ein Verbrecher zu Tode gekommen.
Schriftlesungen zum 12. Sonntag im Jahreskreis
Die erste Lesung, die den Reigen der biblischen Texte eröffnet, die heute in der Liturgie gelesen werden, ist dem Buch Exodus (19,2–6) entnommen. Situiert mitten in der Wüstenwanderung, bringt sie in wunderschöner Weise die Rolle zum Ausdruck, für die Gott Israel aus allen Völkern ausgewählt hat:
Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.
Schriftlesungen zum 11. Sonntag im Jahreskreis
Am vergangenen Donnerstag, dem Fest Fronleichnam, stand das Motiv der Wandlung von Brot und Wein im Mittelpunkt. Das Motiv der Wandlung klingt auch heute noch nach, wenngleich in etwas anderer Form. Dem Opfer als einem Grundvollzug des religiösen Lebens wird die Barmherzigkeit gegenübergestellt. Die Kategorie des Opfers erfährt eine Wandlung.
Schriftlesungen zum 10. Sonntag im Jahreskreis
Das Fest Fronleichnam, das die Präsenz Christi in Brot und Wein, den eucharistischen Gaben, in den Mittelpunkt stellt, beginnt in der ersten Lesung, die dem Buch Deuteronomium (Dtn 8,2–3.14–16) entnommen ist, mit einer unerwarteten Ansage. Zunächst ist davon die Rede, dass Gott das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste mit dem Manna, dem Brot vom Himmel, gespeist hat.
Schriftlesungen zu Fronleichnam
Der Sonntag nach Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes, wird als Dreifaltigkeitssonntag bezeichnet. Das lässt uns rückblickend ein bestimmtes Licht auf die drei großen christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten werfen: Es wirkt so, als sei Weihnachten vor allem das Fest, bei dem Christus im Mittelpunkt stünde, Ostern das Fest, das Gott den Vater in den Blick rücke, denn nur Gott kann von den Toten erwecken, und Pfingsten schließlich den Geist.
Was sagen uns die Texte des heutigen zweiten Pfingsttages, wenn wir erneut vom Psalm ausgehen, der für den heutigen Tag vorgesehen ist? Heute beten wir den kürzesten Psalm des Psalters, jenes biblischen Buches, das die 150 Psalmen enthält. Er umfasst nur zwei Verse:
Lobet den Herrn, alle Völker, *
rühmt ihn, alle Nationen!
Denn mächtig waltet über uns seine Huld, *
die Treue des Herrn währt in Ewigkeit.
In gewisser Weise sind in den Auslegungen der Lesungstexte für die Sonn- und Feiertage dem Grundsatz gefolgt, dass alles, was in der Bibel vorkommt, auch irgendwie in den Psalmen zu finden sein muss. Stets haben wir von einem Psalmzitat den Ausgangspunkt genommen. Was kann das für das Pfingstfest bedeuten, welches wir heute als Fest der Gabe des Geistes feiern?
Der Psalm vom vergangenen Sonntag hat uns aufgefordert, präsent zu sein und zu hören: „kommt und hört“. Wir sind nun da und haben uns bereit gemacht. Der Psalm von Christi Himmelfahrt hat uns sodann dann eingeladen zu schauen. Wir sind präsent und hören und schauen. Was nehmen wir wahr? Jesus „stieg empor“ in die Sphäre Gottes, so haben wir zu Christi Himmelfahrt mit dem Psalm gebetet. Aber: Jesus fehlt uns. So beten wir heute im Psalm: „Mein Herz denkt an dich“ und sucht dein Angesicht. Was dürfen wir nun noch erwarten?
Am vergangenen Sonntag hat der für den Gottesdienst vorgesehene Psalm uns zum Hören eingeladen: „kommt und hört“. Heute lädt er uns zum Schauen ein, denn Gott „stieg empor“, singen wir im 47. Psalm. Dieses Psalmwort erinnert uns am heutigen Tag an die Himmelfahrt Christi. Wir schauen und wundern uns: Jemand steigt empor und entzieht sich unseren Blicken, und doch feiern wir seine Anwesenheit? Ein Fest zwischen Abschied und Präsenz – vielleicht auch ein Fest langsamen Übergangs? Das verdient eine genauere Überlegung.
Der Versuch, im Psalm, der für den jeweiligen Gottesdienst vorgesehen ist, eine Inspiration für die Auslegung der anderen Lesungstexte des Tages zu finden, führt uns heute zu dem Wort „kommt und hört“ aus dem 66. Psalm, auf den wir auch später noch einmal zurückkommen werden.
Fagen wir wie an allen Sonntagen seit dem Beginn der Fastenzeit mit einem Wort aus jenem Psalm an, der an diesem Tag im Gottesdienst gebetet oder gesungen wird. Heute ist das der 33. Psalm. Dort heißt es:
Das Wort JHWHs ist redlich,
all sein Tun ist verlässlich.
Es handelt sich um die Zusage der Treue des Gottes, die sich in seinem Wort und seinem Tun zum Ausdruck bringt. Die Treue Gottes in seinem Wort – dieser Gedanke kann uns durch die Perikope aus dem Johannesevangelium (14,1–12) leiten, welche wir heute als Evangelium hören und die eine Fülle von Spitzensätzen enthält. Es handelt sich um einen der dichtesten Texte der Bibel. Wir könnten sagen, dass der Text eine Konkretion dessen darstellt, was die Treue Gottes zu seinem Wort bedeutet.
In der Auslegung der Schrifttexte haben wir in den letzten Wochen den eher ungewöhnlichen Weg genommen, jeweils von Zitaten der Psalmen auszugehen, die im Gottesdienst gesungen werden: „Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ – „die Taten JHWHs zu verkünden“ – „Die Rechte JHWHs, sie erhöht.“ Und dann der Osterjubel: „Von der Huld JHWHs will ich ewig singen“, „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr“ und „du überlässt mein Leben nicht der Totenwelt“. Manchmal war es leicht, die Zitate mit den anderen Schrifttexten zu verbinden, manchmal schwieriger. Der für heute vorgesehene 23. Psalm lässt sich gut in einen Zusammenhang mit dem Evangelium und der zweiten Lesung bringen: „dein Stock und dein Stab, sie trösten mich“.
Seit dem Beginn der Fastenzeit versuche ich, jeweils einen Psalmvers, der im Gottesdienst gebetet wird, meinen Überlegungen zu den Schrifttexten voranzustellen. Auf diese Weise hat sich ein Schatz an Zitaten eingestellt: „Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ – „die Taten JHWHs zu verkünden“ – „Die Rechte JHWHs, sie erhöht.“ Darauf antwortet der Osterjubel: „Von der Huld JHWHs will ich ewig singen“ und „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr“.
"Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ – „die Taten JHWHs zu verkünden“ – „Die Rechte JHWHs, sie erhöht.“ Darauf antwortet der Osterjubel: „Von der Huld JHWHs will ich ewig singen“. Und heute können wir dem aus dem 118. Psalm hinzufügen: „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr“. Der Weg der Psalmen führt von der Einladung, vom harten Herzen abzulassen, über die Bitte, die Treue Gottes möge unsere Hilfe sein, bis zum Lob Gottes: „Von der Huld JHWHs will ich ewig singen“ – und schließlich dazu, dass Gott, dessen Namen die Betenden ausrufen wollen, selbst zu unserem Gesang werde, wie es heute heißt: „mein Lied ist der Herr“.
Schriftlesungen zum Weißen Sonntag
Einzelne Zitate aus den Psalmen, die in den Gottesdiensten gebetet werden, haben uns in unseren Auslegungen der Schrifttexte sei Beginn der Fastenzeit begleitet: „Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ – „die Taten JHWHs zu verkünden“ – „Die Rechte JHWHs, sie erhöht.“ Darauf antwortet der Osterjubel: „Von der Huld JHWHs will ich ewig singen“.
Einzelne Zitate aus den Psalmen, die in den Gottesdiensten seit Beginn der Fastenzeit gebetet wurden, haben uns bis in die Osternacht begleitet: „Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ – „die Taten JHWHs zu verkünden“. Und heute fügen wir dem hinzu: „Die Rechte JHWHs, sie erhöht.“
Schriftlesungen zum Ostersonntag
An den Sonn- und Feiertagen der Fastenzeit und der Karwoche sind wir bei der Auslegung der Schrifttexte jeweils von einem Psalmzitat ausgegangen. Diese Zitate haben uns zur Osternacht begleitet. Lassen wir sie noch einmal Revue passieren: „Verhärtet euer Herz nicht“ – „mit dem Geist der Großmut“ – „Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!“ – „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“ – „bei ihm ist Erlösung in Fülle“ – „Das Wort JHWHs ist redlich“ – „JHWH, du Gott der Treue“ – „Ausrufen will ich den Namen JHWHs.“ Heute stellen wir dem ein Wort aus dem 118. Psalm an die Seite: „die Taten JHWHs zu verkünden“.
Am Karfreitag wird die Passion in der Fassung des Evangelisten Johannes gelesen (Joh 18,1–19,42). Dieser Text hinterlässt einen ambivalenten Befund. Einerseits kann man sagen, das Johannesevangelium zählt in vielen seiner theologischen Reflexionen zu den am stärksten in jüdischem Denken verankerten Texten des Neuen Testaments. Andererseits wurde gerade die Passionserzählung dieses Evangelisten zu einem Ausgangspunkt christlichen Antijudaismus, erschallt darin doch der Ruf, Jesus zu kreuzigen, sehr massiv: „Sie aber schrien: Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!“
In der Liturgie des Gründonnerstags stehen zwei Gesten im Mittelpunkt – die eine einmalig im Rahmen des Gottesdienstes, die andere sich in jeder Messe wiederholend: Dies ist zum einen die Fußwaschung, von der uns das Evangelium erzählt (Joh 13,1–15) und die an genau diesem einen Tag bedacht wird, und das ist zum anderen die Eucharistie, von der die zweite Lesung berichtet (1 Kor 11,23–26) und die in jeder Messe gefeiert wird, heute aber besonders ins Zentrum rückt.
Schriftlesungen zum Gründonnerstag
Für den Palmsonntag, mit dem die Karwoche beginnt, ist eine Fülle von zum Teil längeren Lesungen vorgesehen, die uns in das Geschehen der kommenden Woche hineinnehmen. Es ist nicht möglich, in diesem Rahmen all diese Texte zu interpretieren; eher müssen wir uns hineinnehmen lassen in ein Geschehen, das in Erzählungen, Riten, Gesten und Gesängen vor uns ausgebreitet wird.
Heute ist der dritte Sonntag in Folge, an dem wir eine lange Erzählung aus dem Johannesevangelium hören: eine Geschichte, die von den Geschwistern Lazarus, Martha und Maria erzählt, die gute Freunde von Jesus waren. Lazarus ist gestorben, woraufhin Jesus seine Freunde aufsucht und Lazarus wieder zum Leben erweckt (Joh 11,1–45).
Schriftlesungen zum 5. Fastensonntag
Wie schon an den vergangenen Sonntagen gehen wir wieder von einem Zitat des für heute vorgesehenen Psalms aus. In der Fastenzeit sind wir auf diese Weise schon auf folgende Worte gestoßen: „mit dem Geist der Großmut“ war die Haltung, die uns der erste Sonntag mitgeben wollte, gefolgt von der hoffnungsvollen Aussage „Das Wort JHWHs ist redlich“ und der Einladung „Verhärtet euer Herz nicht“. Das Zitat des heutigen Sonntags ist dem 23. Psalm entnommen: „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil“. Es stimmt die Thematik von Finsternis und Licht an, welche durch die meisten Texte (Ps 23, Eph 5,8–14, Joh 9) des heutigen Sonntags hindurchleuchtet.
Seit einigen Wochen unternehmen wir den Versuch, die Lesungstexte des Sonntags ausgehend von einem Zitat zu deuten, welches dem für den jeweilige Tag vorgesehenen Psalm entnommen ist. Das Zitat für den heutigen Sonntag lautet „Verhärtet euer Herz nicht“; es ergänzt das Wort zum ersten Fastensonntag: „mit dem Geist der Großmut“. Die Haltung der Großmut, die dem verhärteten Herzen entgegensteht, hat ihren Grund, so sagt es uns der zweite Fastensonntag, in der Qualität und Verlässlichkeit des Gotteswortes: „Das Wort JHWHs ist redlich“. Ein nicht verhärtetes Herz können wir deuten als eines, das sich der Lebendigkeit des Gotteswortes gegenüber öffnet und es in seinem metaphorischen Charakter erkennt (und nicht an seiner Wörtlichkeit festhält). Das führt uns in den schwierigen Zusammenhang der heutigen Texte ein.
Gehen wir auch an diesem Sonntag wieder von einem Wort aus den Psalmen aus. Der vergangene Sonntag hat das schöne Wort „mit dem Geist der Großmut“ dem Beginn der Fastenzeit vorangestellt. Heute hilft uns der 33. Psalm zu verstehen, worum Abram und Sarai, von denen wir in der ersten Lesung hören werden, den Mut finden, aus ihrem Heimatland aufzubrechen und dem Ruf Gottes zu folgen.
Wie schon in den letzten Wochen möchte ich auch in der nun beginnenden Fastenzeit die Überlegungen zu den Schrifttexten unter ein Wort aus den Psalmen stellen: Für die Liturgie jedes Sonntags ist auch ein Psalm vorgesehen. Heute ist das ein Abschnitt aus dem 51. Psalm, wo es unter anderem heißt: „Gib mir wieder die Freude deines Heils, / rüste mich aus mit dem Geist der Großmut!“ Das könnten wir als ein Motto für die Vorbereitungszeit auf Ostern überhaupt ansehen.
An den letzten Sonntagen unternahmen wir den Versuch, aus den Psalmen einen Zugang zu den Schrifttexten zu finden. Wir begannen dabei mit den Worten: „doch Ohren hast du mir gegraben“. Dem stellen wir heute an die Seite: „Öffne mir die Augen, dass ich schaue die Wunder deiner Weisung!“ Hören und sehen mögen wir, so die Hoffnung der Psalmen (wenn wir weitere Worte der letzten Sonntage aufgreifen); hören und sehen mögen wir, so also die Hoffnung der Psalmen „die Güte Gottes im Land der Lebenden“, denn: „Selig, wer seine Hoffnung auf Gott, den Herrn, setzt“, „Im Finstern erstrahlt er als Licht den Redlichen“.
Wenn wir in den Überlegungen zu den Sonntagslesungen von den Psalmen ausgehen, stoßen wir immer wieder auf Spitzensätze, die uns durch die Texte leiten können. Blicken wir auf die letzten Sonntage zurück, waren das die Verse: „doch Ohren hast du mir gegraben“, „die Güte Gottes im Land der Lebenden“, „Selig, wer seine Hoffnung auf Gott, den Herrn, setzt“. Für heute wähle ich den wunderbaren Satz: „Im Finstern erstrahlt er als Licht den Redlichen“. Die Thematik des Lichtes wird hier eng mit Gott verbunden: Er erstrahlt den Menschen als Licht in der Finsternis – Licht als Metapher für Gott. Das Lichtmotiv kann uns auf dem Weg durch die Texte des heutigen Sonntags leuchten.
Für die Sonn- und Feiertage sind jeweils vier Schriftlesungen für die Gottesdienste vorgesehen: zwei Lesungen (zumeist eine aus dem Alten und eine aus dem neuen Testament), ein Psalm und eine Perikope aus den Evangelien. Oft gehen die Auslegungen in den Homilien vom Evangelium aus und suchen dessen Verbindung zur ersten Lesung, die inhaltlich meist in einem engen Zusammenhang mit dem Evangelium steht. Gelegentlich gelingt es, eine Verbindung auch zur zweiten Lesung herzustellen. Selten jedoch spielt dabei der Psalm eine Rolle und werden inhaltliche Akzente aus ihm gewonnen. Wäre es nicht auch einmal interessant, den Zugang zu den sonntäglichen Lesungstexten ausgehend vom Psalm zu wählen?
Selten nur wird man von all den Lesungstexten, die für einen Sonntagsgottesdienst vorgesehen sind, vom Psalm ausgehen, der zwischen erster und zweiter Lesung gebetet oder gesungen wird. Genau das aber möchte ich meinen Anmerkungen zu den Schriftlesungen der Sonntage nun versuchen. Letzte Woche haben wir das Wort „doch Ohren hast du mir gegraben“ aus dem 40. Psalm ausgewählt. Für den heutigen Sonntag sind einige Verse aus dem 27. Psalm vorgesehen. Versuchen wir, aus ihnen ein Motto gewinnen, um die anderen Texte in einen Rahmen zu bringen. Ich schlage folgendes Wort vor: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte JHWHs im Land der Lebenden.“
Für jeden Sonn- und Feiertag sind vier Lesungstexte vorgesehen, normalerweise je eine Lesung aus dem Alten und Neuen Testament, eine Perikope aus den Evangelien und einige Verse eines Psalms. Meist werden die vier Texte in der Auslegung nicht gleichwertig behandelt: Man geht vom Evangelium oder einer der Lesungen aus, selten jedoch vom Psalm, dem eher der Charakter eines überleitenden Gesanges zukommt. Könnte man das nicht aber auch anders sehen? Dem Psalm fällt ja schon alleine dadurch, dass er oft feierlich gesungen wird, eine zentrale Rolle zu. Aber nicht nur das: In die Psalmen finden sich viele Themen aufgenommen, die in anderen biblischen Schriften angesprochen werden; die Psalmen sind Lieder oder Gedichte, die eine besondere synthetische, d.h. zusammenfassende Kraft haben. Sie können viele andere Motive integrieren. Beginnen wir also mit dem Psalm.
Schriftlesungen zum 2. Sonntag im Jahreskreis
An den Weihnachtsfeiertagen haben Metaphern aus den Schrifttexten unsere Auslegungen inspiriert, die ich noch einmal wiederholen möchte: Friedensfürst (Heiliger Abend), Ankunft des Sohnes (Christtag), offener Himmel (Stephanitag), bekleidet mit Erbarmen (Fest der Heiligen Familie), im Herzen behüten und reflektieren (Neujahr), in Eile läuft sein Wort dahin (zweiter Sonntag der Weihnachtszeit), licht werden (Epiphanie). Dem füge ich zum Abschluss der Weihnachtszeit die Wendung hinzu: den Geist auf ihn gelegt. Sie ist der ersten Lesung aus dem Buch Jesaja (42,1–7) entnommen.
Schriftlesungen zur Taufe des Herrn
Metaphern gehören wesentlich zur biblischen Tradition. Sie sind nicht nur ein Hilfsmittel, weil wir über keine anderen Ausdrücke verfügen, welche die Dinge direkt bezeichnen und definieren. Sie öffnen vielmehr die sprachliche Wirklichkeit auf neue Bedeutungen hin. Darin erfüllen sie eine wesentliche Funktion. Metaphern haben die hier vorgestellten Auslegungen der Lesungstexte der Feiertage begleitet: Friedensfürst (Heiliger Abend), Ankunft des Sohnes (Christtag) offener Himmel (Stephanitag), bekleidet mit Erbarmen (Fest der Heiligen Familie), im Herzen behüten und reflektieren (Neujahr), in Eile läuft sein Wort dahin (zweiter Sonntag der Weihnachtszeit).
In den hier vorgestellten Auslegungen zu den Schrifttexten der Weihnachtsfeiertage war jeweils eine Metapher leitend. Metaphern stehen für eine bildhafte Redeweise, die zwei sprachliche Ebenen verbindet, die an und für sich nichts miteinander zu tun haben. Wenn wir sagen, Gott ist mein Fels, wissen wir, dass Gott kein Fels ist. Wir verbinden die göttliche Ebene und die von Landschaftsbildern miteinander. Gerade auf diese Weise kann ein sehr ausdrucksstarkes Bild entstehen. Ich bin der Überzeugung, dass es Religion nicht ohne Metapher gibt.
Metaphern aus den Lesungstexten haben uns durch die Feiertage begleitet: „Friedensfürst“ am Heiligen Abend, „Ankunft des Sohnes“ am Christtag, „offener Himmel“ am Stephanitag, „bekleidet mit Erbarmen“ zum Fest der Heiligen Familie. Auch heute finden wir in den Texten wieder eine sehr schöne Metapher: „im Herzen behüten und reflektieren“.
Schriftlesungen zum Hochfest der Gottesmutter Maria
Für die Feiertage der Weihnachtszeit habe ich jeweils eine Metapher, d.h. ein sprachliches Bild, das verschiedene Ebenen miteinander verbindet, als Ausgangspunkt der Überlegungen zu den Lesungstexten gewählt. Dahinter steht der Gedanke, dass Metaphern für religiöse Ausdrucksweise zentral sind. Ich weiß nicht, wie eine Religion ohne Metaphern aussehen sollte. Was waren die sprachlichen Bilder für die einzelnen Feiertage? „Friedensfürst“ für den Heiligen Abend, „Ankunft des Sohnes“ für den Christtag, „offener Himmel“ für den Stephanitag.
Der Festtag des heiligen Stephan fällt in die Weihnachtszeit, hat mit dieser aber nur insofern zu tun, als Stephan sich zu jenem Christus bekennt, dessen Menschwerdung wir am Tag zuvor gefeiert haben. Märtyrerfeste sind in der Kirche schon aus früher Zeit bezeugt, das Weihnachtsfest musste sich erst langsam zu einem sich über mehrere Wochen erstreckenden Festkreis entwickeln. So stehen die beiden Feste heute in unmittelbarer zeitlicher Nähe, der Stephanitag fällt in die Weihnachtszeit, hat aber nicht direkt mit ihr zu tun. Freilich hat man dieser zeitlichen Nähe später einen bestimmten Sinn gegeben und sie so gedeutet, dass dem Bild vom Kind in der Krippe gleich der Blick auf das Leiden folge.
Weihnachten ist ein Fest, bei dem Metaphern eine zentrale Rolle spielen. Unter „Metapher“ verstehen wir eine bildhafte Rede, die zwei Ebenen miteinander verbindet, die zunächst nicht direkt miteinander zu tun haben. Sie lässt uns den Graben überwinden (auch das eine Metapher), der verschieden Felder der Bedeutung trennt. Zu Weihnachten feiern wir, wie einmal in unglaublicher Dichte der Gott und Mensch trennende Graben überwunden wurde – in der Ankunft des Sohnes. Um davon zu reden, verwenden wir eine Fülle an Metaphern.
Wer den Advent und die Weihnachtstage liturgisch mitfeiert, wird in einen Bildreichtum eingeführt, der unglaublich ist. Beschränken wir uns an den kommenden Tagen jeweils auf ein Bild oder eine Metapher. Vorweg sei nur gesagt, dass die Metapher vielleicht die Sprachform von Weihnachten ist. Was ist eine Metapher? Antwort: Sie ist ein sprachliches Bild, das verschiedene (sprachliche, bildhafte) Ebenen miteinander verknüpft, die nicht unbedingt zusammengehören. Man muss, um die Metapher zu verstehen, über eine Grenze hinweg-gehen (Metapher!), einen Fluss überqueren (Metapher!).
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Die Gedanken zu den Schriftlesungen vom Tag erscheinen seit 2020. Sollten Sie ältere Texte als die oben ersichtlichen benötigen, bitte wenden Sie sich an P. Jakob per Mail. Vielen Dank.
