Gedanken zu den Schriftlesungen zum Tag
von Prior P. Jakob Deibl
Die Gedanken, die wir, die Gemeinschaft der Benediktiner von Melk, an dieser Stelle mit Ihnen teilen wollen, beziehen sich auf die biblischen Texte, die für die Liturgie des jeweiligen Tages vorgesehen sind.
Gedanken zu den Schriftlesungen
Schriftlesungen zum 5. Sonntag im Jahreskreis
Für die Sonn- und Feiertage sind jeweils vier Schriftlesungen für die Gottesdienste vorgesehen: zwei Lesungen (zumeist eine aus dem Alten und eine aus dem neuen Testament), ein Psalm und eine Perikope aus den Evangelien. Oft gehen die Auslegungen in den Homilien vom Evangelium aus und suchen dessen Verbindung zur ersten Lesung, die inhaltlich meist in einem engen Zusammenhang mit dem Evangelium steht. Gelegentlich gelingt es, eine Verbindung auch zur zweiten Lesung herzustellen. Selten jedoch spielt dabei der Psalm eine Rolle und werden inhaltliche Akzente aus ihm gewonnen. Wäre es nicht auch einmal interessant, den Zugang zu den sonntäglichen Lesungstexten ausgehend vom Psalm zu wählen?
Selten nur wird man von all den Lesungstexten, die für einen Sonntagsgottesdienst vorgesehen sind, vom Psalm ausgehen, der zwischen erster und zweiter Lesung gebetet oder gesungen wird. Genau das aber möchte ich meinen Anmerkungen zu den Schriftlesungen der Sonntage nun versuchen. Letzte Woche haben wir das Wort „doch Ohren hast du mir gegraben“ aus dem 40. Psalm ausgewählt. Für den heutigen Sonntag sind einige Verse aus dem 27. Psalm vorgesehen. Versuchen wir, aus ihnen ein Motto gewinnen, um die anderen Texte in einen Rahmen zu bringen. Ich schlage folgendes Wort vor: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte JHWHs im Land der Lebenden.“
Für jeden Sonn- und Feiertag sind vier Lesungstexte vorgesehen, normalerweise je eine Lesung aus dem Alten und Neuen Testament, eine Perikope aus den Evangelien und einige Verse eines Psalms. Meist werden die vier Texte in der Auslegung nicht gleichwertig behandelt: Man geht vom Evangelium oder einer der Lesungen aus, selten jedoch vom Psalm, dem eher der Charakter eines überleitenden Gesanges zukommt. Könnte man das nicht aber auch anders sehen? Dem Psalm fällt ja schon alleine dadurch, dass er oft feierlich gesungen wird, eine zentrale Rolle zu. Aber nicht nur das: In die Psalmen finden sich viele Themen aufgenommen, die in anderen biblischen Schriften angesprochen werden; die Psalmen sind Lieder oder Gedichte, die eine besondere synthetische, d.h. zusammenfassende Kraft haben. Sie können viele andere Motive integrieren. Beginnen wir also mit dem Psalm.
Schriftlesungen zum 2. Sonntag im Jahreskreis
An den Weihnachtsfeiertagen haben Metaphern aus den Schrifttexten unsere Auslegungen inspiriert, die ich noch einmal wiederholen möchte: Friedensfürst (Heiliger Abend), Ankunft des Sohnes (Christtag), offener Himmel (Stephanitag), bekleidet mit Erbarmen (Fest der Heiligen Familie), im Herzen behüten und reflektieren (Neujahr), in Eile läuft sein Wort dahin (zweiter Sonntag der Weihnachtszeit), licht werden (Epiphanie). Dem füge ich zum Abschluss der Weihnachtszeit die Wendung hinzu: den Geist auf ihn gelegt. Sie ist der ersten Lesung aus dem Buch Jesaja (42,1–7) entnommen.
Schriftlesungen zur Taufe des Herrn
Metaphern gehören wesentlich zur biblischen Tradition. Sie sind nicht nur ein Hilfsmittel, weil wir über keine anderen Ausdrücke verfügen, welche die Dinge direkt bezeichnen und definieren. Sie öffnen vielmehr die sprachliche Wirklichkeit auf neue Bedeutungen hin. Darin erfüllen sie eine wesentliche Funktion. Metaphern haben die hier vorgestellten Auslegungen der Lesungstexte der Feiertage begleitet: Friedensfürst (Heiliger Abend), Ankunft des Sohnes (Christtag) offener Himmel (Stephanitag), bekleidet mit Erbarmen (Fest der Heiligen Familie), im Herzen behüten und reflektieren (Neujahr), in Eile läuft sein Wort dahin (zweiter Sonntag der Weihnachtszeit).
In den hier vorgestellten Auslegungen zu den Schrifttexten der Weihnachtsfeiertage war jeweils eine Metapher leitend. Metaphern stehen für eine bildhafte Redeweise, die zwei sprachliche Ebenen verbindet, die an und für sich nichts miteinander zu tun haben. Wenn wir sagen, Gott ist mein Fels, wissen wir, dass Gott kein Fels ist. Wir verbinden die göttliche Ebene und die von Landschaftsbildern miteinander. Gerade auf diese Weise kann ein sehr ausdrucksstarkes Bild entstehen. Ich bin der Überzeugung, dass es Religion nicht ohne Metapher gibt.
Metaphern aus den Lesungstexten haben uns durch die Feiertage begleitet: „Friedensfürst“ am Heiligen Abend, „Ankunft des Sohnes“ am Christtag, „offener Himmel“ am Stephanitag, „bekleidet mit Erbarmen“ zum Fest der Heiligen Familie. Auch heute finden wir in den Texten wieder eine sehr schöne Metapher: „im Herzen behüten und reflektieren“.
Schriftlesungen zum Hochfest der Gottesmutter Maria
Für die Feiertage der Weihnachtszeit habe ich jeweils eine Metapher, d.h. ein sprachliches Bild, das verschiedene Ebenen miteinander verbindet, als Ausgangspunkt der Überlegungen zu den Lesungstexten gewählt. Dahinter steht der Gedanke, dass Metaphern für religiöse Ausdrucksweise zentral sind. Ich weiß nicht, wie eine Religion ohne Metaphern aussehen sollte. Was waren die sprachlichen Bilder für die einzelnen Feiertage? „Friedensfürst“ für den Heiligen Abend, „Ankunft des Sohnes“ für den Christtag, „offener Himmel“ für den Stephanitag.
Der Festtag des heiligen Stephan fällt in die Weihnachtszeit, hat mit dieser aber nur insofern zu tun, als Stephan sich zu jenem Christus bekennt, dessen Menschwerdung wir am Tag zuvor gefeiert haben. Märtyrerfeste sind in der Kirche schon aus früher Zeit bezeugt, das Weihnachtsfest musste sich erst langsam zu einem sich über mehrere Wochen erstreckenden Festkreis entwickeln. So stehen die beiden Feste heute in unmittelbarer zeitlicher Nähe, der Stephanitag fällt in die Weihnachtszeit, hat aber nicht direkt mit ihr zu tun. Freilich hat man dieser zeitlichen Nähe später einen bestimmten Sinn gegeben und sie so gedeutet, dass dem Bild vom Kind in der Krippe gleich der Blick auf das Leiden folge.
Weihnachten ist ein Fest, bei dem Metaphern eine zentrale Rolle spielen. Unter „Metapher“ verstehen wir eine bildhafte Rede, die zwei Ebenen miteinander verbindet, die zunächst nicht direkt miteinander zu tun haben. Sie lässt uns den Graben überwinden (auch das eine Metapher), der verschieden Felder der Bedeutung trennt. Zu Weihnachten feiern wir, wie einmal in unglaublicher Dichte der Gott und Mensch trennende Graben überwunden wurde – in der Ankunft des Sohnes. Um davon zu reden, verwenden wir eine Fülle an Metaphern.
Wer den Advent und die Weihnachtstage liturgisch mitfeiert, wird in einen Bildreichtum eingeführt, der unglaublich ist. Beschränken wir uns an den kommenden Tagen jeweils auf ein Bild oder eine Metapher. Vorweg sei nur gesagt, dass die Metapher vielleicht die Sprachform von Weihnachten ist. Was ist eine Metapher? Antwort: Sie ist ein sprachliches Bild, das verschiedene (sprachliche, bildhafte) Ebenen miteinander verknüpft, die nicht unbedingt zusammengehören. Man muss, um die Metapher zu verstehen, über eine Grenze hinweg-gehen (Metapher!), einen Fluss überqueren (Metapher!).
Ältere Texte
Die Gedanken zu den Schriftlesungen vom Tag erscheinen seit 2020. Sollten Sie ältere Texte als die oben ersichtlichen benötigen, bitte wenden Sie sich an P. Jakob per Mail. Vielen Dank.
