Der Himmel für alle
Sternstunden in Büchern
Wenn am 19. September 2026 wieder ein „Tag der Astronomie“ gefeiert wird, verbindet die Begeisterung für das Weltall Menschen auf der ganzen Welt. Dank internationaler Aktionstage und praktischer Astronomie-Apps auf dem Smartphone kann mittlerweile jeder, egal wann und wo, ganz unkompliziert einen Blick in die Sterne werfen. Dass dieses freie Wissen und der einfache Zugang zum Himmel nicht immer selbstverständlich waren, zeigt ein ganz spezielles Buch der Stiftsbibliothek.
Dresden 1843: Im Kaffeehaus Findlater setzte eine Frau mit dem Vorwort für ihr Buch den Schlusspunkt unter ihre Forschungsarbeit. Jahrelanges Beobachten des Nachthimmels lagen hinter ihr, akribisches Übertragen von Sternformationen auf Papier, schließlich ein Abgleich mit astronomischer Fachliteratur. Die Rede ist von Josephine von Molnár, die ihr Buch unter dem Anagramm-Pseudonym „Josephine Edle von Ránlom“ veröffentlichte. In der Stiftsbibliothek wird ihr „Aufblick zu den Sternen-Welten“ (Wien 1846) unter der Signatur 34.309 aufbewahrt.
Das Außergewöhnliche daran: Molnár widmete die Arbeit ausschließlich einem weiblichen Lesepublikum, „Damen“ und „gemüthvollen Frauen“, „Genossinnen“ und „Schwestern“. Besagtes Vorwort ist keineswegs eine trockene Einführung in die wissenschaftliche Materie, viel eher ein Manifest für die intellektuelle Emanzipation der Frau. Gleich im ersten Absatz macht die Autorin deutlich, dass Astronomie bereits viel zu lange „der Schatz nur weniger Auserwählter“ gewesen sei, angefangen bei frühen patriarchalischen Stammesgruppen bis hin zu Koryphäen wie Galileo, Kepler, Newton und anderen männlichen „Hohepriestern der Astronomie“. Wie provokant diese Aussage wirken musste, war ihr vollkommen bewusst: Es werde „in der That Verwunderung erregen, daß zum ersten Male auch ein weibliches Wesen sich scheinbar an die Heroen so hoher Wissenschaft anzuschließen wagt.“ Akademisch gebildete Frauen waren Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als gesellschaftlicher Mainstream und noch weniger gab es, die der Bildungselite öffentlich vorzuwerfen wagten, als exklusiver Zirkel zu agieren, der Frauen weitgehend ausschloss.
Molnárs Antrieb war jedoch keine akademische Eitelkeit. Die „Klarheit der Sterne“, aus denen „ein Frieden entgegenleuchtet, den die Erde nicht gibt“ – diese kosmische Kraft wollte sie mit ihren „theuersten Genossinnen“ und „Schwestern“ teilen und ihr Geschlecht „in den seiner Bestimmung würdigsten Kreis einführen“. Für Frauen sei es an der Zeit, den Blick zu heben und sich aus den „kleinlichen Kreisen der Erdenwelt zu erheben“ – und zwar solidarisch, über alle Standesgrenzen hinweg: Denn „keine – keine! sei sie selbst von dem günstigsten Schicksale noch so hoch gestellt, lebt, die nicht den Kummer kennt. Auch Königinnen vergießen Thränen, ach! und oft viel bitterere, als die Bettlerin.“
Josephine von Molnár forderte Frauen dazu auf, nach den Sternen zu greifen. Vielleicht ist es gerade diese Vision, die das Werk so besonders macht. Mehr noch als die darin enthaltenen Sternenkarten und Lithographien erhebt der Ansatz der Wissensdemokratisierung das heute in Vergessenheit geratene Buch zu einem Zeitzeugnis der modernen Frauen- und Kulturgeschichte. Darüber hinaus ist es ein wunderbares Exemplar der populärwissenschaftlichen Astronomie-Literatur des Biedermeier, das mit seinem ganz eigenen Fokus den Buchbestand der Stiftsbibliothek zu astronomischen Themen bereichert. Und der ist wahrhaft breit aufgestellt.
Der älteste Textzeuge liegt mit Cod. 412 vor, einer Abschrift von naturkundlichen, astronomischen und mathematischen Traktaten des Beda Venerabilis (672-735) aus dem 9. Jahrhundert. Weltweite Aufmerksamkeit erlangte 2024 das Melker Fragment 229 aus dem 15. Jahrhundert, das von der NASA als offizielles „Astronomy Picture of the Day“ für den 30. März ausgewählt wurde (https://science.nasa.gov/image-article/apod-2024-march-30-medieval-astronomy-from-melk-abbey/). 2009 widmete die Stiftsbibliothek dem „Jahr der Astronomie“ nicht nur eine eigene Ausstellung, sondern auch den Auftaktband ihrer wissenschaftlichen Publikationsreihe „Thesaurus Mellicensis“. Zu den besonderen Exponaten in den Vitrinen gehörte damals Cod. 511 aus dem 18. Jahrhundert, ein außergewöhnliches Werk über Sonnen- und Mondfinsternisse aus der Feder des Melker Benediktiners P. Bonifaz Gallner (1687-1727). Zuletzt kehrte diese Handschrift im Juli 2026 ins Rampenlicht zurück. Im Rahmen des Bibliotheksvortrags „Der Wahrheit auf der Spur“ diente sie als Paradebeispiel dafür, wie sich das Kloster anhand seiner Buchbestände historisch zwischen geo- und heliozentrischen Weltbildern positionierte. Ebenso sind natürlich auch die Druckwerke sämtlicher von Molnár in ihrem Buch genannten Star-Astronomen in der Bibliothek vorhanden.
Für bibliophile Menschen ist das alles zweifellos Grund genug, den Tag der Astronomie am 19. September gebührend zu würdigen. Josefine von Molnár empfiehlt dafür den Blick in den Himmel „von einer freien Anhöhe oder von dem Balcone Ihres Schlosses“ aus. Wem es am eigenen Schloss gebricht oder wer davor zurückschreckt, in tiefster Nacht finstere Hügel zu erklimmen, dem sei eine andere und überaus edle Form der Würdigung ans Herz gelegt: die Buchpatenschaft für ein astronomisches Werk der Stiftsbibliothek. Auch die Silberpatenschaft für Molnárs „Sternen-Welten“ ist noch zu haben.
Bei Interesse informieren Sie sich gerne hier: www.stiftmelk.at/exlitteris/
Wir freuen uns auf Sie!
Josefine Ránlom: Aufblick zu den Sternen-Welten. Als untrüglicher Führer, alle am Himmel prangende, dem unbewaffneten freien Auge sichtbaren Sternbilder auf die leichteste Weise auffinden und erkennen zu lernen. Mit 43 litographischen Blättern und 13 Sternkarten. Wien 1846. Sign. 34.309
Mag.a Bernadette Kalteis
Stiftsbibliothek
3390 Melk
bibliothek(at)stiftmelk.at


