Stift Melk - UNESCO-Welterbe

Vernunft und Glaube

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Schon unter Maria Theresia, einer zutiefst frommen und gläubigen Frau, bahnte sich vieles an. Ihre Minister wirkten vielfach schon ganz im Geist der Aufklärung. Als nach dem Tod Maria Theresias Joseph II. die Regierung antrat, war der Bann gebrochen. Mit voller Kraft begannen die Gedanken der Aufklärung den Staat und auch das Verhältnis zur Kirche zu bestimmen. Viele Klöster wurden aufgehoben, Wallfahrten, Bittprozessionen abgeschafft, jedes Tun, das mit Gefühl und Emotion verbunden war, eingeschränkt. Alles sollte im Namen der Vernunft geschehen.

Abt em. Dr. Burkhard Ellegast OSB, Textauszug aus "Das Stift Melk"

Staatliche Verordnungen griffen tief in das Leben des Klosters ein. Zahlreiche Pfarren kamen gemäß der josephinischen Pfarrordnung zum Kloster und belasteten die wirtschaftliche und personelle Situation des Klosters. Pfarrhöfe und Schulen mussten in den neuen Pfarren gebaut und erhalten werden. Mit der Pfarrseelsorge erfüllte Stift Melk eine wichtige staatliche Aufgabe und blieb so von der Aufhebung verschont.

1783 wurde auf kaiserlichen Befehl die theologische Hauslehranstalt in Melk geschlossen. Alleinige Ausbildungsstätte der jungen Theologen wurde das Wiener Generalseminar, in dem die Kleriker ganz im Geiste der Aufklärung erzogen wurden. Nach ihrem Studium kehrten sie in die Klöster zurück und durchbrachen alte Ordnungen. Ab 1769 griffen die neuen Gedanken auch auf die bisher abgeschlossenen klösterliche Gemeinschaft von Stift Melk über. Ein Kommendatarabt wurde für die wirtschaftliche Führung des Klosters von der Regierung eingesetzt. Für die geistlichen Belange wurde ein "Kaiserlicher Prior" auf 3 Jahre vom Kapitel gewählt.
1787 wurde die Klosterschule von Melk nach St. Pölten verlegt, der Erhaltungsaufwand blieb aber beim Stift Melk.

Nach dem Tod Joseph II. wurden einige Bestimmungen wieder aufgehoben und unter Kaiser Leopold II. (1790 - 1792) erhielten die Klöster wieder ihre Selbstständigkeit. Das Studium der Kleriker erfolgte wieder in den Klöstern. 1804 wurde das Gymnasium wieder nach Melk verlegt. Die Napoleonischen Kriegen und die josephinische Pfarrorganisation stellten eine große finanzielle Belastung im 19. Jahrhundert dar. Die josephinische Grundhaltung war noch lange in den Klöstern spürbar. Erst im 20. Jahrhundert war ein neuer Ansatz spürbar und Vernunft und Glaube kamen ins Gleichgewicht.