Stift Melk - UNESCO-Welterbe

Rolling Stone

 

Ostern auf lithotheologisch

Dem evangelischen Pfarrer Friedrich Christian Lesser (1692-1754) haben es die Steine angetan. Er rückt daher den vielleicht unscheinbarsten Nebendarsteller der Ostergeschichte in den Mittelpunkt der Ereignisse rund um die Auferstehung: den Stein vom Grab Jesu.

Ausgehend vom Grabstein formuliert Lesser eine Vielzahl an Fragen, etwa die nach dem genauen Zeitpunkt der Auferstehung (bevor oder nachdem der Stein vom Eingang weggerollt wurde?) oder nach der Architektur der Grabstätte; ob sie aus mehreren Kammern bestanden hatte, mit oder ohne Vorraum ausgestattet war und vor welcher der Türen dann wohl der betreffende Stein gelegen haben mochte. Vor allem aber geht es dem Autor darum: Wie zeigt sich Gottes Allmacht konkret an diesem Grabstein? Auf welche Weise bezeugt dieser Stein die Auferstehung?

Als Theologe, Naturwissenschaftler und Autor wirkte Pfarrer Lesser weit über seine Heimatstadt Nordhausen in Thüringen hinaus. Insbesondere war er glühender Anhänger der Physikotheologie, die den Nachweis der Existenz Gottes in den Wundern der Schöpfung erkennt. Wer ist schließlich nicht fasziniert vom planvollen Gewimmel auf einem Ameisenhaufen? Wen lässt ein gewaltiger Donnerschlag kalt? Wer staunt nicht über die Tatsache, dass eine Meeresschnecke ihren gesamten Körper kopfabwärts abwerfen und einfach wieder nachwachsen lassen kann? Wer hat noch nicht darüber nachgesonnen, ob hinter all dem nicht ein genialer Wille, eine ordnende Hand zu suchen sei? Willkommen an der Schwelle zur Physikotheologie! Zwischen 1670 und 1750 erlebte diese Denkrichtung ihren Höhepunkt und flutete den Buchmarkt mit zahllosen Studien aller Art.[1] Viele davon befassten sich gezielt mit Einzelsegmenten der Natur. So erschienen akridotheologische Werke (Gottesbeweis aus der Natur der Heuschrecken), chionotheologische (Schnee), brontotheologische (Donner und Blitz), ichthyotheologische (Fische), chortotheologische (Gras) und viele mehr.

Friedrich Christian Lesser ist in der Stiftsbibliothek nicht nur mit seiner „Lithotheologie“ vertreten, „das ist: Natürliche Historie und geistliche Betrachtung derer Steine etc.“ (2. Aufl. 1753, Sign. 39.370). Nachdem das Werk 1732 erstmals erschienen war, folgten 1738 noch eine „Insecto-Theologie“ und 1744 eine „Testaceo-Theologie“ rund um Schnecken und Muscheln (Sign. 39.368 und 39.369).  Mit mehr als 1500 Seiten ist die Lithotheologie jedoch bei weitem am umfangreichsten.

Der Grabstein Jesu ist dabei ganz klar der prominenteste der in diesem Buch behandelten Steine. Ausgehend von Bibelzitaten und der Argumentation namhafter Autoren von der Antike bis hinauf in seine Zeit diskutiert Lesser Größe und Gewicht des Steins, seine genaue Lage und andere Details. Die Schüsselfrage, ob der Grabstein nicht auch auf natürliche Weise vom Eingang der Grabhöhle entfernt hätte werden können (etwa durch die Anhänger Jesu), beantwortet er nach sorgfältigem Abwägen der Faktenlage und aller denkbaren Szenarien mit einem klaren Nein. Einzig Gott komme dafür in Frage. Das sei letztlich genauso logisch, wie man auch davon auszugehen habe, „wenn an einer Taschen-Uhr der Zeiger, welcher zum Exempel auf ein Uhr gestanden, in einem Augenblick auf neun verrücket ist (...), es müsse ein anderes Wesen seyn, welches dies zuwege gebracht.“ (S. 1466)

Das wiederum führt den Autor zur Überlegung, welche Rolle dem Stein in der Ostergeschichte von Gott zugedacht war. Wofür musste dieser überhaupt in großer Geste entfernt werden, wo doch Christus selbst keinesfalls darauf angewiesen war? Kinkerlitzchen wie Steine vor der Tür halten schließlich keinen Auferstandenen davon ab, an die Welt zu treten. Des Rätsels Lösung zieht Lesser aus der Literatur. Unisono mit den Kirchenvätern kommt er zum Schluss, „die Abwältzung des Steines von dem Grabe“ geschieht „um deren willen, welche solches sehen sollten, damit ihnen die Auferstehung Christi bewiesen würde.“ (S. 1463 f.)

Der Stein erfüllt damit eine wesentliche Funktion in der Dynamik der späteren Ereignisse, ausgelöst durch den gehörigen Schreck der Frauen, als sie zum Grab kommen und dieses offen finden. Weil der Stein nicht ist, wo er sein müsste, gibt er den Blick auf das Unglaubliche frei. Er macht die Trauernden zu den ersten Zeuginnen; nicht schlecht für einen Stein!

So sieht das auch Friedrich Christian Lesser. Zwar habe ein Stein „weder Stimme noch Mund“, jedoch sein „Stillschweigen“ bisweilen die Wirkung „einer Posaune“ (S. 1486), zeigt er sich  felsenfest überzeugt.

Folgerichtig ergeht daher an alle Osterfreudigen – auch die des Jahres 2021 – die Einladung eines passionierten Pysikotheologen der Barockzeit, dem Fest der Auferstehung versuchsweise einmal lithotheologisch zu begegnen:

„Du, geehrter Leser! Wenn du dieses liesest, sey nicht Stein-hart, sondern laß dich durch die Sprachlosen Steine zum Lobe deines allweisen, allmächtigen, und gütigsten Schöpffers überzeugen.“ (S. XLII)

 

Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer: Wir wünschen ein frohes Osterfest mit vielen steinharten, bunten Eiern!

Ihr Bibliotheksteam

 

[1] Paul Michel, Physikotheologie. Ursprünge, Leistung und Niedergang einer Denkform. Neujahrsblatt auf das Jahr 2008. Hrsg. von der Gelehrten Gesellschaft in Zürich, 171. Stück. Als Fortsetzung der Neujahrsblätter der Chorherrenstube Nr. 229. S. 4