Stift Melk - UNESCO-Welterbe

Jetzt wicklet sich der Himmel auff...

 

Man könnte den Frühlingsbeginn kaum charmanter und bezaubernder in Worte fassen als Friedrich Spee (1591-1635) in seiner „Trutznachtigall".1 Auch die Literaturwissenschaft gerät ins Schwärmen: „Nie noch ist es vor Spee in deutschen Gedichten so Frühling geworden, mit solcher Gegenwart und Gegenständlichkeit, mit solcher lyrischen Plötzlichkeit: Jetzt wicklet sich der Himmel auf!“2

Die Melker Ausgabe der „Trutz Nachtigal / oder Geistlichs-Poetisch Lust-Wäldlein“ erschien 1672 in Köln. 1673 hat sich schon der erste Besitzer vorne im Buch eingetragen: Johannes Jacob Brassican von Emmerberg, blaublütiger Spross eines seit dem 16. Jh. in Österreich ansässigen Adelsgeschlechts. Wie, wann und warum sein Buch in Melk gelandet ist, bleibt ein Rätsel. Dafür zeigt eine kurze Recherche, dass sein Urgroßonkel ausgerechnet jener Johannes Alexander Brassicanus war, der 1528 in königlichem Auftrag die Stiftsbibliothek nach passenden Mansukripten durchforstet hat, um sie nach Wien mitzunehmen und sie dort drucken zu lassen. Eine kleine Genugtuung für den heutigen Bibliothekar stellt es also allemal dar, wenn die Bibliothek zum Ausgleich für diese Aktion wiederum durch einen Brassican einen angemessenen Bucheingang zu verzeichnen hat - immerhin das einzige historische Exemplar der Trutznachtigall im Bestand.

Während sich der Himmel zum Auftakt im Gedicht über die „fröliche Sommerszeit“ in der Frühlingswärme reckt und streckt und die Sonne an Kraft zulegt, grünt und sprießt es an allen Ecken und Enden:

Wer wird die kräuter mannigfalt
In zahl vnd ziffer zwingen.
Welch vns der Sommer mit gewalt
Ans liecht wird stündlich bringen?

Berauscht von der überbordenden Fülle an Blühendem und Grünendem das aus der Erde „herausgesponnen“ und an die Sonne gelockt wird, worin es „verwirret saß“, feiert der Dichter „kunst / und witz“ der Pflanzen, die trotz ihrer schier unübersehbaren Vielfalt im Einzelnen doch „nie der art verfehlen“, sondern in Form und Farbe immer aufs Neue exakt das ihnen vorbestimmte Muster „copeyen".

Veilchen, Rosen und Tulpen werden aufgezählt, Hyazinthen, Schafkraut, Krokus, Lavendel, verschiedene Lilienarten, Nelken, Narzissen und Wegwarte, Kaiserkrone, Gänseblümchen, Moose, Kresse, Rittersporn, Geißblatt, Sonnentau, Basilikum, Brunellen, Akelei, Bärenklau, Mohn, Glockenblumen, Kuhschelle und andere, viele unter wunderlichen, längst nicht mehr gebräuchlichen Namen. Wer hätte schon gedacht, dass mit „Nasturtz“ Kresse gemeint ist? Oder das Garten-Geißblatt mit „Je länger lieber“?

Gut, wenn man alte Kräuterbücher zu Hand hat, die Geheimnisse wie diese lüften!

Das Auffrischen von altem Wissen um Pflanzen und ihre Heilwirkungen liegt wieder im Trend.
Es steht auch im Mittelpunkt an den „Tagen der Arzneipflanzen“ im Stiftspark am 4. und 5. Juni, an denen ab 16 Uhr bis 17.15 Uhr im barocken Pavillon historische Pflanzenbücher aus der Stiftsbibliothek zu sehen sein werden und man eingeladen ist, durch den Paradiesgarten zu schlendern, um quasi im Vorbeigehen wertvolle Informationen zu den üppig bestückten Kräuterbeeten zu ernten.

Ein Besuch an diesem Wohlfühlort ist zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber immer wieder ein Genuss. Ganz besonders an Tagen, an denen die Sonne strahlt, die „Lufft klingt“ vom „tute-lüren“ der Vögel und sich über all dem der Himmel „auffwicklet“!

Das Bibliotheksteam wünscht mit Friedrich Spee eine „spiegel-klare“ und „rosen-fedrige“ Frühlingszeit!

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1 Friedrich Spee, Trutz Nachtigal / oder Geistlichs Lust-Wäldlein / Deßgleichen noch nie zuvor in Teutscher Sprach gesehen. Köln 1672. Die Zeile entstammt dem Gedicht „Lob Gottes auß Beschreibung der frölichen Sommerszeit“, im Melker Exemplar (Sign. 46.297) zu finden auf den Seiten 88-94.
2 Philipp Witkop, Die neuere deutsche Lyrik, Bd. 1. (Leipzig 1910), S. 69.