Stift Melk - UNESCO-Welterbe

04 Die Werkzeuge der geistlichen Kunst
05 Der Gehorsam
06 Die Schweigsamkeit
07 Die Demut

Kapitel 4: Die Werkzeuge der geistlichen Kunst

1. Vor allem: Gott, den Herrn, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
2. Ebenso: Den Nächsten lieben wie sich selbst.
3. Dann: nicht töten.
4. Nicht die Ehe brechen.
5. Nicht stehlen.
6. Nicht begehren.
7. Nicht falsch aussagen.
8. Alle Menschen ehren.
9. Und keinem anderen antun, was man selbst nicht erleiden möchte.
10. Sich selbst verleugnen, um Christus zu folgen.
11. Den Leib in Zucht nehmen.
12. Sich Genüssen nicht hingeben.
13. Das Fasten lieben.
14. Arme bewirten.
15. Nackte bekleiden.
16. Kranke besuchen.
17. Tote begraben.
18. Bedrängten zu Hilfe kommen.
19. Trauernde trösten.
20. Sich dem Treiben der Welt entziehen.
21. Der Liebe zu Christus nichts vorziehen.
22. Den Zorn nicht zur Tat werden lassen.
23. Der Rachsucht nicht einen Augenblick nachgeben.
24. Keine Arglist im Herzen tragen.
25. Nicht unaufrichtig Frieden schließen.
26. Von der Liebe nicht lassen.
27. Nicht schwören, um nicht falsch zu schwören.
28. Die Wahrheit Herz und Mund bekennen.
29. Nicht Böses mit Bösem vergelten.
30. Nicht Unrecht tun, vielmehr erlittenes geduldig ertragen.
31. Die Feinde lieben.
32. Die uns verfluchen, nicht auch verfluchen, sondern mehr noch sie segnen.
33. Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.
34. Nicht stolz sein,
35. nicht trunksüchtig,
36. nicht gefräßig,
37. nicht schlafsüchtig,
38. nicht faul sein.
39. Nicht murren.
40. Nicht verleumden.
41. Seine Hoffnung Gott anvertrauen.
42. Sieht man Gutes bei sich, es Gott zuschreiben, nicht sich selbst.
43. Das Böse aber immer als eigenes Werk erkennen, sich selbst zuschreiben.
44. Den Tag des Gerichtes fürchten.
45. Vor der Hölle erschrecken.
46. Das ewige Leben mit allem geistlichen Verlangen ersehnen.
47. Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.
48. Das eigene Tun und Lassen jederzeit überwachen.
49. Fest überzeugt sein, dass Gott überall auf uns schaut.
50. Böse Gedanken, die sich in unser Herz einschleichen, sofort an Christus
zerschmettern und dem geistlichen Vater eröffnen.
51. Seinen Mund vor bösem und verkehrtem Reden hüten.
52. Das viele Reden nicht lieben.
53. Leer oder zum Gelächter reizende Worte meiden.
54. Häufiges oder ungezügeltes Gelächter nicht lieben.
55. Heilige Lesungen gern hören.
56. Sich oft zum Beten niederwerfen.
57. Seine früheren Sünden unter Tränen und Seufzen täglich im Gebet Gott bekennen;
58. und sich von allem Bösen künftig bessern.
59. Die Begierden des Fleisches nicht befriedigen.
60. Den Eigenwillen hassen.
61. Den Anweisungen des Abtes in allem gehorchen, auch wenn er selbst, was ferne sei, anders handelt; man denke an die Weisung des Herrn: "Was sie sagen, das tut; was sie aber tun, das tut nicht."
62. Nicht heilig genannt werden wollen, bevor man es ist, sondern es erst sein, um mit Recht so genannt zu werden.
63. Gottes Weisungen täglich durch die Tat erfüllen.
64. Die Keuschheit lieben.
65. Niemand hassen.
66. Nicht eifersüchtig sein.
67. Nicht aus Neid handeln.
68. Streit nicht lieben.
69. Überheblichkeit fliehen.
70. Die Älteren ehren,
71. die Jüngeren lieben.
72. In der Liebe Christi für die Feinde beten.
73. Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren.
74. Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.
75. Das sind also die Werkzeuge der geistlichen Kunst.
76. Wenn wir sie Tag und Nacht unaufhörlich gebrauchen und sie am Tag des Gerichts zurückgeben, werden wir vom Herrn jenen Lohn empfangen, den er selbst versprochen hat:
77. "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben."
78. Die Werkstatt aber, in der wir das alles sorgfältig verwirklichen sollen, ist der Bereich des Klosters und die Beständigkeit in der Gemeinschaft.

Kapitel 5: Der Gehorsam

1. Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern.
2. Er ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht.
3. Wegen des heiligen Dienstes, den sie gelobt haben, oder aus Furcht vor der Hölle und wegen der Herrlichkeit des ewigen Lebens
4. darf es für sie nach einem Befehl des Oberen kein Zögern geben, sondern sie erfüllen den Auftrag sofort, als käme er von Gott.
5. Von ihnen sagt der Herr: "Aufs erste Hören hin gehorcht er mir."
6. Und ebenso sagt er den Lehrern: "Wer euch hört, hört mich."
7. Daher verlassen Mönche sofort, was ihnen gerade wichtig ist, und geben den Eigenwillen auf.
8. Sogleich legen sie unvollendet aus der Hand, womit sie eben beschäftigt waren. Schnellen Fußes folgen sie gehorsam dem Ruf des Befehlenden mit der Tat.
9. Mit der Schnelligkeit, die aus der Gottesfurcht kommt, geschieht beides rasch wie in einem Augenblick: der ergangene Befehl des Meisters und das voll brachte Werk des Jüngers.
10. So drängt sie die Liebe, zum ewigen Leben voranzuschreiten.
11. Deshalb schlagen sie entschlossen den engen Weg ein, von dem der Herr sagt: "Eng ist der Weg, der zum Leben führt."
12. Sie leben nicht nach eigenem Gutdünken, gehorchen nicht ihren eigenen Gelüsten und Begierden, sondern gehen ihren Weg nach der Entscheidung und dem Befehl eines anderen. Sie bleiben im Kloster und haben das Verlangen,
dass ein Abt ihnen vorstehe.
13. Ohne Zweifel folgen sie auf diesem Weg dem Herrn nach, der sagt: "Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat."
14. Ein Gehorsam dieser Art ist nur dann Gott angenehm und für die Menschen beglückend, wenn der Befehl nicht zaghaft, nicht saumselig, nicht lustlos oder gar mit Murren und Widerrede ausgeführt wird.
15. Denn der Gehorsam, den man den Oberen leistet, wird Gott erwiesen; sagt er doch: "Wer euch hört, hört mich."
16. Die Jünger müssen ihn mit frohem Herzen leisten, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber.
17. Wenn aber der Jünger verdrossen gehorcht, also nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit dem Herzen murrt,
18. so findet er, selbst wenn er den Befehl ausführt, doch kein Gefallen bei Gott, der das Murren seines Herzens wahrnimmt.
19. Für solches Tun empfängt er keinen Lohn, sondern verfällt der Strafe der Murrer, wenn er nicht Buße tut und sich bessert.

Kapitel 6: Die Schweigsamkeit

1. Tun wir, was der Prophet sagt: "Ich sprach, ich will auf meine Wege achten, damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle. Ich stellte eine Wache vor meinen Mund, ich verstummte, demütigte mich und schwieg sogar vom Guten."
2. Hier zeigt der Prophet: Man soll der Schweigsamkeit zuliebe bisweilen sogar auf gute Gespräche verzichten. Um so mehr müssen wir wegen der Bestrafung der Sünde von bösen Worten lassen.
3. Mag es sich also um noch so gute, heilige und aufbauende Gespräche handeln, vollkommenen Jüngern werde nur selten das Reden erlaubt wegen der Bedeutung der Schweigsamkeit.
4. Steht doch geschrieben: "Beim vielen Reden wirst du der Sünde nicht entgehen",
5. und an anderer Stelle: "Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge."
6. Denn Reden und Lehren kommen dem Meister zu, Schweigen und Hören dem Jünger.
7. Muss man den Oberen um etwas bitten, soll es in aller Demut und ehrfürchtiger Unterordnung erbeten werden.
8. Albernheiten aber, müßiges und zum Gelächter reizendes Geschwätz verbannen und verbieten wir für immer und überall. Wir gestatten nicht, dass der Jünger zu solchem Gerede den Mund öffne.

Kapitel 7: Die Demut

1. Laut ruft uns, Brüder, die Heilige Schrift zu: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden."
2. Mit diesen Worten zeigt sie uns also, dass jede Selbsterhöhung aus dem Stolz hervorgeht.
3. Davor hütet sich der Prophet und sagt: "Herr, mein Herz ist nicht überheblich, und meine Augen schauen nicht hochmütig; ich ergehe mich nicht in Dingen, die für mich zu hoch und zu wunderbar sind.
4. Wenn ich nicht demütig gesinnt bin und mich selbst erhöhe, was dann? Du behandelst mich wie ein Kind, das die Mutter nicht mehr an die Brust nimmt."
5. Brüder, wenn wir also den höchsten Gipfel der Demut erreichen und rasch zu jener Erhöhung im Himmel gelangen wollen, zu der wir durch die Demut in diesem Leben aufsteigen,
6. dann ist durch Taten, die uns nach oben führen, jene Leiter zu errichten, die Jakob im Traum erschienen ist. Auf ihr sah er Engel herab und hinaufsteigen.
7. Ganz sicher haben wir dieses Herab und Hinaufsteigen so zu verstehen: Durch Selbsterhöhung steigen wir hinab und durch Demut hinauf.
8. Die so errichtete Leiter ist unser irdisches Leben. Der Herr richtet sie zum Himmel auf, wenn unser Herz demütig geworden ist.
9. Als Holme der Leiter bezeichnen wir unseren Leib und unsere Seele. In diese Holme hat Gottes Anruf verschiedene Sprossen der Demut und der Zucht eingefügt, die wir hinaufsteigen sollen.
10. Die erste Stufe der Demut: Der Mensch achte stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, Gott je zu vergessen.
11. Stets denke er an alles, was Gott geboten hat, und erwäge immer bei sich, wie das Feuer der Hölle der Sünden wegen jene brennt, die Gott verachten, und wie das ewige Leben jenen bereitet ist, die Gott fürchten.
12. Zu jeder Stunde sei er auf der Hut vor Sünden und Fehlern, die im Denken, Reden, Tun und Wandel durch Eigenwillen, aber auch durch Begierden des Fleisches geschehen.
13. Der Mensch erwäge: Gott blickt vom Himmel zu jeder Stunde auf ihn und sieht an jedem Ort sein Tun; die Engel berichten ihm jederzeit davon.
14. Der Prophet weist uns darauf hin, dass Gott unserem Denken immer gegenwärtig ist, wenn er sagt: "Gott prüft auf Herz und Nieren."
15. "Der Herr kennt die Gedanken der Menschen."
16. Ebenso sagt er: "Von fern erkennst du meine Gedanken."
17. "Das Denken des Menschen liegt offen vor dir."
18. Vor seinen verkehrten Gedanken auf der Hut, spreche der Bruder, der etwas taugt, ständig in seinem Herzen: "Dann bin ich makellos vor ihm, wenn ich mich vor meiner Bosheit in acht nehme."
19. Den Eigenwillen zu tun, verwehrt uns die Schrift, wenn sie sagt: "Von deinem Willen wende dich ab!"
20. Dass aber Gottes Wille in uns geschehe, darum bitten wir ihn im Gebet.
21. Mit Recht werden wir also belehrt, nicht unseren Willen zu tun, sondern zu beachten, was die Schrift sagt: "Es gibt Wege, die den Menschen richtig erscheinen, die aber am Ende in die Tiefe der Hölle hinabführen."
22. Ebenso zittern wir vor dem Wort, das von den Nachlässigen gesagt ist: "Verdorben sind sie und abscheulich geworden in ihren Gelüsten."
23. Selbst bei den Begierden des Fleisches ist uns Gott, so glauben wir, immer gegenwärtig. Sagt doch der Prophet zum Herrn: "All mein Begehren liegt offen vor dir."
24. Nehmen wir uns also vor jeder bösen Begierde in acht; denn der Tod steht an der Schwelle der Lust.
25. Darum gebietet die Schrift: "Lauf deinen Begierden nicht nach!"
26. Wenn also die Augen des Herrn über Gute und Böse wachen
27. und der Herr immer vom Himmel auf die Menschenkinder blickt, um zu sehen, ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht,
28. und wenn die Engel, die uns zugewiesen sind, täglich bei Tag und bei Nacht dem Herrn über unsere Taten und Werke berichten,
29. dann, Brüder, müssen wir uns zu jeder Stunde in acht nehmen, damit Gott uns nicht irgendwann einmal als abtrünnig und verdorben ansehen muss, wie der Prophet im Psalm sagt.
30. Weil er gütig ist, schont er uns in dieser Zeit und erwartet unsere Bekehrung zum Besseren, damit er uns dereinst nicht sagen muss: "Das hast du getan, und ich habe geschwiegen."
31. Die zweite Stufe der Demut: Der Mönch liebt nicht den eigenen Willen und hat deshalb keine Freude daran, sein Begehren zu erfüllen.
32. Vielmehr folgt er in seinen Taten dem Wort des Herrn, der sagt: "Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat."
33. Ebenso steht geschrieben: "Eigensinn führt zur Strafe, Bindung erwirbt die Krone."
34. Die dritte Stufe der Demut: Aus Liebe zu Gott unterwirft sich der Mönch dem Oberen in vollem Gehorsam. So ahmt er den Herrn nach, von dem der Apostel sagt: "Er war gehorsam bis zum Tod."
35. Die vierte Stufe der Demut: Der Mönch übt diesen Gehorsam auch dann, wenn es hart und widrig zugeht. Sogar wenn ihm dabei noch so viel Unrecht geschieht, schweigt er und umarmt gleichsam bewusst die Geduld.
36. Er hält aus, ohne müde zu werden oder davonzulaufen, sagt doch die Schrift: "Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet"
37. Ferner: "Dein Herz sei stark und halte den Herrn aus."
38. Um zu zeigen, dass der Glaubende für den Herrn alles, sogar Widriges aushalten muss, sagt die Schrift durch den Mund derer, die das erdulden: "Um deinetwillen werden wir den ganzen Tag dem Tode ausgesetzt, behandelt wie
Schafe, die zum Schlachten bestimmt sind."
39. Doch zuversichtlich und voll Hoffnung auf Gottes Vergeltung fügen sie freudig hinzu: "All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat." Und ebenso sagt die Schrift an anderer Stelle: "Gott, du hast uns geprüft und uns im Feuer
geläutert. Du hast uns in die Schlinge geraten lassen, hast drückende Last unserem Rücken aufgeladen."
40. Um zu zeigen, dass wir unter einem Oberen stehen müssen, sagt sie weiter: "Du hast Menschen über unser Haupt gesetzt."
41. Selbst bei Widrigkeiten und Unrecht erfüllen die Mönche in Geduld die Weisung des Herrn:
42. Auf die eine Wange geschlagen, halten sie auch die andere hin; des Hemdes beraubt, lassen sie auch den Mantel; zu einer Meile gezwungen, gehen sie zwei.
43. Wie der Apostel Paulus halten sie falsche Brüder aus und segnen jene, die ihnen fluchen.
44. Die fünfte Stufe der Demut: Der Mönch bekennt demütig seinem Abt alle bösen Gedanken, die sich in sein Herz schleichen, und das Böse, das er im Geheimen begangen hat und er verbirgt nichts.
45. Dazu ermahnt uns die Schrift mit den Worten: "Eröffne dem Herrn deinen Weg und vertrau auf ihn!"
46. Sie sagt auch: "Legt vor dem Herrn ein Bekenntnis ab; denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig."
47. Ebenso sagt der Prophet: "Mein Vergehen tat ich dir kund, und meine Ungerechtigkeit habe ich dir nicht verborgen.
48. Ich sagte: Vor dem Herrn will ich gegen mich meine Schuld bekennen, und du hast mir die Bosheit meines Herzens vergeben."
49. Die sechste Stufe der Demut: Der Mönch ist zufrieden mit dem Allergeringsten und Letzten und hält sich bei allem, was ihm aufgetragen wird, für einen schlechten und unwürdigen Arbeiter.
50. Er sagt sich mit dem Propheten: "Zu nichts bin ich geworden und verstehe nichts; wie ein Lasttier bin ich vor dir und bin doch immer bei dir."
51. Die siebte Stufe der Demut: Der Mönch erklärt nicht nur mit dem Mund, er sei niedriger und geringer als alle, sondern glaubt dies auch aus tiefstem Herzen.
52. Er erniedrigt sich und spricht mit dem Propheten: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.
53. Ich habe mich erhöht und wurde erniedrigt und zunichte."
54. "Gut war es für mich, dass du mich erniedrigt hast; so lerne ich deine Gebote."
55. Die achte Stufe der Demut: Der Mönch tut nur das, wozu ihn die gemeinsame Regel des Klosters und das Beispiel der Väter mahnen.
56. Die neunte Stufe der Demut: Der Mönch hält seine Zunge vom Reden zurück, verharrt in der Schweigsamkeit und redet nicht, bis er gefragt wird.
57. Zeigt doch die Schrift: "Bei vielem Reden entgeht man der Sünde nicht."
58. "Der Schwätzer hat keine Richtung auf Erden."
59. Die zehnte Stufe der Demut: Der Mönch ist nicht leicht und schnell zum Lachen bereit, steht doch geschrieben: "Der Tor bricht in schallendes Gelächter aus."
60. Die elfte Stufe der Demut: Der Mönch spricht, wenn er redet, ruhig und ohne Gelächter, demütig und mit Würde wenige und vernünftige Worte und macht kein Geschrei,
61. da geschrieben steht: "Den Weisen erkennt man an den wenigen Worten."
62. Die zwölfte Stufe der Demut: Der Mönch sei nicht nur im Herzen demütig, sondern seine ganze Körperhaltung werde zum ständigen Ausdruck seiner Demut für alle, die ihn sehen.
63. Das heißt: Beim Gottesdienst, im Oratorium, im Kloster, im Garten, unterwegs, auf dem Feld, wo er auch sitzt, geht oder steht, halte er sein Haupt immer geneigt und den Blick zu Boden gesenkt.
64. Wegen seiner Sünden sieht er sich zu jeder Stunde angeklagt und schon jetzt vor das schreckliche Gericht gestellt.
65. Immer wiederhole er im Herzen die Worte des Zöllners im Evangelium, der die Augen zu Boden senkt und spricht: "Herr, ich Sünder bin nicht würdig, meine Augen zum Himmel zu erheben."
66. Und ebenso sagt er mit dem Propheten: "Gebeugt bin ich und tief erniedrigt."
67. Wenn also der Mönch alle Stufen auf dem Weg der Demut erstiegen hat, gelangt er alsbald zu jener vollendeten Gottesliebe, die alle Furcht vertreibt.
68. Aus dieser Liebe wird er alles, was er bisher nicht ohne Angst beobachtet hat, von nun an ganz mühelos, gleichsam natürlich und ohne Gewöhnung ein halten,
69. nicht mehr aus Furcht vor der Hölle, sondern aus Liebe zu Christus, aus guter Gewohnheit und aus Freude an der Tugend.
70. Dies wird der Herr an seinem Arbeiter, der von Fehlern und Sünden rein wird, schon jetzt gütig durch den Heiligen Geist erweisen.