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Ostern: Ein Stein im Zeugenstand

ROLLING STONE

Ostern auf lithotheologisch

Dem evangelischen Pfarrer Friedrich Christian Lesser (1692-1754) haben es die Steine angetan. Er rückt daher den vielleicht unscheinbarsten Nebendarsteller der Ostergeschichte in den Mittelpunkt der Ereignisse rund um die Auferstehung: den Stein vom Grab Jesu.

Ausgehend vom Grabstein formuliert Lesser eine Vielzahl an Fragen, etwa die nach dem genauen Zeitpunkt der Auferstehung (bevor oder nachdem der Stein vom Eingang weggerollt wurde?) oder nach der Architektur der Grabstätte; ob sie aus mehreren Kammern bestanden hatte, mit oder ohne Vorraum ausgestattet war und vor welcher der Türen dann wohl der betreffende Stein gelegen haben mochte. Vor allem aber geht es dem Autor darum: Wie zeigt sich Gottes Allmacht konkret an diesem Grabstein? Auf welche Weise bezeugt dieser Stein die Auferstehung?

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Hebräische Fragmente der Melker Stiftsbibliothek erinnern an die ‚Wiener Geserah‘ (1421)

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Aus Anlass der ‚Wiener Geserah‘ vor 600 Jahren (1421/2021) wurde die 2020 in den Vitrinen der Melker Stiftsbibliothek eingerichtete Sonderausstellung „SMS aus dem Mittelalter“ um einen Schwerpunkt über hebräische Fragmente ergänzt, die vermutlich nach 1421 als Makulaturen nach Melk gelangt sind. Der Gebrauch der hebräischen Textzeugen als Buchbindematerial steht womöglich im Zusammenhang mit jenem tragischen Ereignis, das sich vor 600 Jahren zugetragen hat.

10% der in Einbänden von Handschriften und Inkunabeln verarbeiteten Pergamentblätter tragen hebräische Schriftzeichen. So das Ergebnis des seit 1991 laufenden Projekts „Genizat Austria – Hebräische Handschriften und Fragmente in Österreichischen Bibliotheken“. Bis 2007 wurden 50 Standorte exklusive der Österreichischen Nationalbibliothek untersucht. In Melk tragen 74 Fragmente mit 101 Fragmentseiten hebräische Schriftzeichen (Daten zugänglich über https://hebraica.at).

Es ist kaum anzunehmen, dass man in Melk vollständige hebräische Handschriften besessen hat, die man im 15. Jahrhundert zerschnitten und als Makulatur verwendet hat. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass man hier Altpergament vor sich hat, das von Händlern als Kiloware an Buchbinder verkauft wurde. Es fällt auf, dass hebräische Fragmente im ostösterreichischen Raum vermehrt in Bucheinbänden des 3. Jahrzehnts des 15. Jahrhunderts auftauchen. Das könnte mit der sog. Wiener Geserah von 1421 zusammenhängen, in der die in Wien lebenden Juden verfolgt und entweder zwangsgetauft, vertrieben oder hingerichtet wurden. Vermutlich sind nach der Zerstörung der Wiener Synagoge im selben Jahr zahlreiche hebräische Handschriften vernichtet oder zerschnitten und dann von Händlern als Buchbindematerial verkauft worden.

In der Stehvitrine sind ausgestellt:

  • Melk, Fragm. hebr. XVI: Ex 17,11 ff. aus Cod. 208 („Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker…“).

In der Schlussschrift von Cod. 208, p. 435, in der die Handschrift auf 1422 datiert wird, wird Herzog Albrecht V. (1404–1439) als interfector, eradicator und extirpator omnium Iudeorum in Austria – als der, der alle Juden in Österreich ausgerottet hat – gepriesen. Da die Handschrift in Wien geschrieben und gebunden wurde, ist Wien als Herkunftsort sowohl des ursprünglich am Vorderdeckel aufgeklebten Fragments (Marienleich) als auch des am Hinterdeckel als Abdeckung verwendeten Fragm. hebr. XVI zu vermuten. Eine Verbindung des beidseitig beschriebenen hebräischen Fragments mit dem Text aus Ex 17,11 – 18,5 (ursprünglich aufgeklebte Recto-Seite) und Ex 18,5-16 (Verso-Seite) mit der Wiener Geserah von 1421 ist somit sehr wahrscheinlich.

 

  • Die in Cod. 1397 eingebundenen Pergamentblätter mögen als Beispiele für hebräische Fragmente dienen, die sich in situ in der Handschrift befinden, hier aufgeschlagen das leserichtig eingebundene, doppelseitig beschriftete und auf Buchgröße beschnittene Vorsatzblatt mit Abklatsch auf dem Buchdeckel, auf dem auch das Bibliotheksschild klebt. Der Text enthält den Kommentar von Shlomo b. Yiṣḥaq (Rashi) zu Jes 1,18–31.

 

Als wichtiges Textzeugnis aus der Wiener Synagoge vor 1421 waren Fragm. hebr. IV/1 (obere Hälfte eines Doppelblatts) und IV/2 (untere Hälfte eines Doppelblatts) von 2010 bis 2013 als Dauerleihgabe der Stiftsbibliothek Melk am Judenplatz in Wien ausgestellt. Beide Fragmente waren in der Inkunabel P.682 um 90 Grad gedreht als Makulatur eingebunden. Der erhaltene Text in aschkenasischer Quadratschrift entstammt dem Talmud, Ordnung Nashim (Frauen), Traktat Ketubbot, 30a–35a (behandelt die Pflichten für den Ehevertrag = Ketubba).

 

In der Mittelvitrine ist ausgestellt:
Melk, Fragm. hebr. VII: Yiṣḥaq b. Ya‘aqov Alfasi (Rif), Shlomo Yiṣḥaqi (Rashi): Hilkhot ha-Rif mit Rashi-Kommentar und einer Kommentarsammlung (u.a. aus Sefer Mordekhai) zu Traktat "Shabbat". – Pergament, 1 halbes Blatt; ca. 14. Jh.

 


 

Was wäre Weihnachten ohne Boz?

Boz,… pseud. Charles Dickens, steht auf dem Kärtchen im Zettelkatalog der Stiftsbibliothek unter „Bordoni – Ciceri“. Gegencheck in der Lade rechts davon („Cicero – Dorenwell“): Dickens, Charles… pseud. Boz. Ein Weihnachtslobgesang in Prosa; das heißt: Eine Weihnachts-Geistergeschichte. Stuttgart 1844. Na bitte.

Sein Pseudonym hatte sich Dickens schon in frühen Jahren zugelegt. Die ersten Veröffentlichungen erschienen allesamt unter diesem ausgefallenen Namen. Der leitet sich übrigens vom Spitznamen seines jüngeren Bruders August ab, den Charles in Anlehnung an eine literarische Vorlage „Moses“ nannte, was durch verschnupfte, verstopfte Bubennasen genuschelt zu „Boses“, schließlich in der ganzen Familie Dickens liebevoll zu „Boz“ wurde. Mit zunehmendem schriftstellerischen Selbstbewusstsein verwendete Dickens später öfter seinen richtigen Namen, so auch für den Weihnachtslobgesang, heute besser bekannt als „Ein Weihnachtslied“ (bzw. „Ein Weihnachtsabend“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“). Schon wenige Monate nachdem das englische Original „A Christmas Carol“ zu Weihnachten 1843 erschienen war, drängten zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen auf den Markt. 

Erinnern Sie sich an das deutschsprachige Melker Exemplar von 1844, aus dem Verlag der weinseligen, geschäftstüchtigen Gebrüder Franckh? Auf dessen Titelblatt findet man unter Charles Dickens´ Namen sicherheitshalber auch sein Pseudonym in Klammer hinzugesetzt, damit Fans und Boz-Leser das Werk richtig zuordnen konnten. Das erklärt natürlich auch, warum Dickens im Melker Bibliothekskatalog sowohl unter seinem Klarnamen, als auch unter dem Decknamen mit entsprechenden Gegenverweisen auftaucht. 

Nur gut, dass Dickens für seine Weihnachtserzählung vom nebenhöhleninspirierten Pseudonym abgegangen ist. Immerhin sind im Coronajahr 2020 Rotznasen und Mund-Nasen-Schutz alles andere als eine willkommene Kombination.

Ich habe mich in diesem gespenstischen Büchlein bemüht, den Geist einer Idee heraufzubeschwören, der weder meine geneigten Leser mit ihrer guten Laune, noch mit einander, noch mit der Jahreszeit, oder gar mit mir entzweien soll, schickt Dickens seinem Werk im Vorwort voran. Leider wird es in neueren Ausgaben oft nicht mehr abgedruckt. Die Idee von Weihnachten, die ein liebevolles Miteinander über alles andere stellt und Großherzigkeit und Empathie zum Motto ausruft, scheint derzeit eher wie ein frommer Wunsch zu klingen. Kein Wunder. Die gute Laune bröckelt schnell, wenn der coronabekränzte Spirit des anstehenden Festes allenthalben heraufbeschworen wird. 

Seit 1843 wurden die Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht wohl kaum einmal so unablässig bemüht: Heuer ist Weihnachten anders als bisher und wie es im nächsten Jahr aussieht, ist alles andere als abgemacht; eine Lehre, der sich nicht nur der miesepetrige, verstockte Ebenezer Scrooge nicht entziehen kann. Menschen die sich „gegen eine übermächtige Fremdbestimmung behaupten müssen“ (Oliver Bentz) - ein immer wiederkehrendes Thema in den Texten von Charles Dickens. Nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt scheint seine Weihnachtsgeschichte wie gemacht zu sein für 2020.

Es gibt aber noch einen viel überzeugenderen Grund, jetzt Dickens zu lesen, und das ist der feinsinnige, spitzzüngige Humor des Autors. Er durchzieht die gesamte Erzählung, auch in ihren düsteren Passagen. Nehmen Sie das als unbedingte Leseempfehlung für die kommenden Tage! Es macht gute Laune, und die ist in jedem Fall ein mehr als probates Mittel, um in Feiertagsstimmung zu kommen, Gutes zu genießen, Gutes zu tun und zum Wohl für sich und andere weihnachtliche Handlungsspielräume ausreizen bis zum Gehtnichtmehr - ganz Scrooge-like, jedenfalls so wie er am Schluss aufgestellt ist.

Möge er - der Geist - gerne und artig in Ihren Häusern spuken, und Niemand wünschen, daß er wieder verschwinde, hofft Dickens. Das Melker Bibliotheksteam schließt sich an und wünscht zusammen mit dem innerlich rundumerneuerten Scrooge, der vergnügt feststellt, sich so leicht wie eine Feder zu fühlen, so glücklich wie ein Engel, so lustig wie ein Schuljunge und so fidel wie ein Betrunkener:

A merry Christmas to everybody! A happy New Year to all the world.

Von Weihnachtsbüchern und Weihnachtsgeistern

Charles Dickens Weihnachtsgeschichte vom mürrischen, kaltherzigen Scrooge und den drei Weihnachtsgeistern ist eines von vielen tausend Büchern der Stiftsbibliothek, die in diesem Jahr in einer großen Umsiedelungsaktion in ein Übergangslager in neu adaptierte Räume des ehemaligen Juvenats des Klosters gebracht, gereinigt und dokumentiert wurden. Das Melker Exemplar mit dem Titel "Ein Weihnachtslobgesang" erschien 1844, nur wenige Monate nach der Erstveröffentlichung des englischen Originals kurz vor Weihnachten 1843. Herausgekommen ist es ist der  „Franckh´schen Buchhandlung“ in Stuttgart. Diese wiederum ist durchaus einer kurzen Betrachtung wert.

Dass die Brüder Johann und Friedrich Franckh 1822 die Konzession für die Eröffnung eines Verlags inkl. Buchhandlung erhielten, sorgte für einige Aufregung in der Szene. Noch nie zuvor war es Branchenfremden gestattet worden, einen Buchhandel zu führen. Und tatsächlich kamen die Franckhs aus einer gänzlich anderen beruflichen Ecke: sie waren Weinsteuereintreiber. In ihrem neuen Gewerbe bewiesen sie indes großes kaufmännisches Geschick und ein gutes Gespür dafür, was auf dem Buchmarkt aktuell gefragt war. Dazu gehörten die Werke beliebter zeitgenössischer Autoren aus dem Ausland, deren Übersetzungen bei den Franckhs so billig zu haben waren, dass die Preise für die Bücher teilweise sogar niedriger angesetzt waren als die Leihgebühren der öffentlichen Bibliotheken. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte war unter den ersten 100 Titeln, die im Verlag Franckh von Carl Spindler in der Reihe „Das belletristische Ausland“ herausgebracht wurden.

Mehr zu Dickens´ Geistergeschichte, seinem ausgesprochen rotznasigen Pseudonym und der damit verbundenen Empfehlung, sich lachend auf das diesjährige Weihnachtsfest zu freuen, gibt es Anfang nächster Woche exklusiv im Weihnachtsnewsletter der Stiftsbibliothek - und hier!

5. Mai 2020: SMS aus dem Mittelalter
Handschriftenfragmente der Stiftsbibliothek Melk und ihre Geschichte(n)

  • winzige Reste eines bekritzelten Pergamentblattes auf der Innenseite eines Buchdeckels
  • rostige Abdrücke von Buchbeschlägen auf einer alten Urkunde
  • Mittelalterliche Handschriften recycelt als Schutzumschlag für gedruckte Bücher
  • ein paar Buchstaben auf einem Falzstreifen, die spannender sind als das Buch selbst

Bis aus so einer Short Message aus der Vergangenheit eine Story wird, gleicht die Erforschung mittelalterlicher Handschriftenfragmente einer akribischen Schnitzeljagd durch Bücher, Bibliotheken und Archive. Oft sind es gerade die kleinsten Schnipsel im Buch, die die großen Geschichten erzählen und entscheidende Hinweise für die Wissenschaft liefern. Die neue Ausstellung der Stiftsbibliothek widmet sich genau diesen Blättern, Streifen und Stückchen, den Löchern Abdrücken, Rissen und Tintenstrichen - und den spannenden Rätseln die sie zu lösen aufgeben.

Lust auf mehr? - Gerne.
Stiftsbesichtigungen - inkl. Stiftsbibliothek - gibt es jetzt wieder täglich von 10 bis 17 Uhr (letzter Einlass 16.30 Uhr)

9. April 2020 - Ostergrüße aus der Stiftsbibliothek
Neugefärbte Oster-Ayr aus der Stiftsbibliothek OSTERN aus alt mach neu
Keine Ostermessen, keine dichtbesetzten Kirchenbänke, kein Friedensgruß und keine Handkommunion, keine Geselligkeit bei der Agape, kein „Frohe Ostern“-Händeschütteln - viele werden das Osterfest dieses Jahr völlig anders erleben als sie es gewohnt sind. Nämlich daheim. Der Vatikan verweist auf staatlich verordnete Versammlungsbeschränkungen, kirchliche Autoritäten tüfteln an Alternativkonzepten, von Live-Übertragungen der Gottesdienste bis hin zu Unterlagen für Feiern im häuslichen Rahmen. In dieser Form gibt die (Kirchen-)Geschichte quer durch alle Krisenzeiten nichts wirklich Vergleichbares her. Die Osterfeiertage im privaten Rahmen angemessen würdig zu begehen, dafür gibt es allerdings schon frühe Anregungen. Wir springen ins 18. Jahrhundert. Der berühmte Arzt und Naturwissenschaftler Johann Georg Krünitz beispielsweise hat einen sinnreichen, gleichwohl leicht umzusetzenden Tipp parat ... weiterlesen

3. April 2020 - MOX, LONGE, TARDE - das Bibliotheksteam wünscht alles Gute!
Version 2020
Man hatte zu spät reagiert, Warnungen in den Wind geschlagen, Einzelfälle ignoriert, den Ernst der Lage nicht erkannt - und dann war sie da, die Katastrophe, die Pest in Wien 1679. Die rasante Ausbreitung, Tausende Erkrankte und Tote überforderten das Gesundheitssystem, die Verwaltung brach zusammen, Schulen, die Universität, Gerichte usw. wurden geschlossen, Wien und Niederösterreich wurden zur Krisenregion.
So schnell es ging verließ Abt Edmund Lueger (1676-1679) zusammen mit den Studenten des Klosters Wien und machte sich auf den Weg nach Melk. mehr ...

Bild: Merian, Melk im Jahre 1677

20. März 2020 - Ein Beitrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auf facebook

Schon gewusst? In mittelalterlichen Handschriften könnt ihr von zu Hause aus blättern. Zum Beispiel in diesem Rechenbuch des 15. Jahrhunderts aus der Stiftsbibliothek Melk.
Wer sich ein bisschen in Mathe üben will - wie wäre es mit dieser Schlussrechnung in Frühneuhochdeutsch?

Es laufft ain hunt ainem fuchs nach, und derselb fuchs ist 300 schrit vor dem hunt und der hunt lauft als pald wann der fuchs 7 schrit lauft, so lauft der hunt 9 schrit.
Nu wil ich wissenn in wievil schriten der hunt den fuchsen derlauff etc.

Also: Ein Hund verfolgt einen Fuchs, der 300 Schritte vor dem Hund ist. Der Hund läuft natürlich schneller als der Fuchs, nämlich 9 Schritte in der Zeit, in der der Fuchs 7 läuft.
Nach wie vielen Schritten hat der Hund den Fuchs eingeholt?

Über das Portal manuscripta.at bietet das Institut für Mittelalterforschung unzählige wunderschöne Handschriften zum Durchblättern!