Stift Melk - UNESCO-Welterbe

Aktuelles

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Alleluia & Amen:
Osterrätsel und Zukunftsmusik aus der Stiftsbibliothek Geheimcode „Alleluia“
Österliches Kreuz-Wort-Rätsel aus der Vergangenheit


Einer der beeindruckendsten Gelehrten des Frühmittelalters sorgt für österliches Staunen in der Stiftsbibliothek: Hrabanus Maurus (780 - 856). Als er sein Erstlingswerk De laudibus sanctae crucis, das Lob des heiligen Kreuzes verfasste, war er bereits um die 30 Jahre alt. Allerdings landete er damit gleich einen Publikumserfolg für Jahrhunderte, und das sicher nicht nur wegen der theologischen Aussagekraft. Reizvoll ist nämlich bis heute vor allem die Art und Weise, wie der Text gestaltet ist. Die Wissenschaft hat verschiedene Fachausdrücke dafür, etwa Gittergedicht, Figurengedicht oder Bildgedicht.
Klingt leicht, ist es aber nicht. Um Poesie à la Hrabanus Maurus zu erschaffen, braucht es schon einen durchdachten Plan, intellektuelles Multitasking und wohl auch eine Extraportion klassische Bildung: Man lege zunächst einen Text in lateinischen Hexametern so an, dass die Anzahl der Buchstaben pro Zeile der Gesamtanzahl der Zeilen entspricht. Dadurch entsteht nicht nur ein Gedicht, sondern auch ein quadratischer Buchstabenteppich, dem nun Bilder oder geometrische Formen eingezeichnet werden. weiterlesen ...

Fasten im 19. Jahrhundert: Was Melker Kochbücher über das Kloster und die Veränderung der Welt erzählen

Wenn heimische Tierarten ausgerottet werden und der Import weitgereister Nahrungsmittel die Kirche in Erklärungsnot bringt, wird es Zeit, die Kochbücher der Melker Stiftsköchinnen Fany Sagberger und Marie Schrammel von 1835 und 1892 aufzuschlagen. Ihre Fastenrezepte spiegeln im Kleinen die großen Veränderungen rund um das Benediktinerstift Melk im Lauf des 19. Jahrhunderts wider. Sie greifen aber auch die Grundgedanken benediktinischer Fastentraditionen vergangener Jahrhunderte auf und schlagen eine Brücke bis in unsere Zeit.

Nachzulesen ist der Beitrag von Bernadette Kalteis und Johannes Deibl aus der Stiftsbibliothek auf der Website der Ordensgemeinschaften Österreich.

 

Beringers Harmonie am Heiligabend.
4. Teil einer besonderen Weihnachtsgeschichte.

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Zurück zum Anfang. Laut Kolophon wurde unser Weihnachtsbuch uff den Christ abent / an dem M. D. und XXVII. Jar gedruckt. Also: 24.12.1527. Sollte man meinen! Dazu muss man nämlich wissen, dass bis ins 16. Jahrhundert hinein der Beginn eines neuen Jahres traditionell mit Weihnachten gleichgesetzt wurde. Nach unserem Verständnis wäre das Kalenderjahr 1526 mit dem Weihnachtsabend noch lange nicht zu Ende, während Beringer & Co. bereits von 1527 sprachen. Also: 24.12.1526. Dieses Datum meint das Kolophon.

Trotzdem kann das Melker Exemplar nicht aus diesem Jahr stammen. Im Internet findet man die prachtvoll illustrierten Titelblätter der ersten und zweiten Auflage von 1526 und 1529. Sie sehen ganz anders aus als unseres. Dasselbe gilt allerdings auch für die Auflage von 1532, zumal unser Buch kein vorgeschaltetes Extra-Register aufweist, das laut Literatur in dieser Ausgabe ebenso neu hinzugekommen war, wie ein zweites, zwischengeschaltetes Titelblatt. Dieses wird als schlicht beschrieben, zweizeilig bedruckt… Spätestens jetzt schrillen sämtliche Weihnachtsglocken Alarm, denn damit kann nichts anderes gemeint sein als „unser“ Titelblatt!

Hier also liegt der entscheidende Hinweis für die Identifizierung des „Melker Beringer“: das erst in die dritte Auflage aufgenommene, zusätzliche Titelblatt. Das Kolophon von 1526 blieb in allen Auflagen unverändert stehen und irritiert beim Versuch der Datierung. 

Es lohnt sich dann und wann, ein rätselhaftes Buch zuzuklappen, ein wenig zu grübeln und dabei gedankenverloren mit den Fingern auf den Buchdeckel zu klopfen. Möglich, dass einem dabei plötzlich auffällt: Unser diesjähriges Weihnachtsbuch hat ganz offenbar eine Schönheits-OP hinter sich! Der Einband stammt augenfällig nicht aus dem 16. Jahrhundert. Eher aus dem 19. Vielleicht hat damals der ursprüngliche Buchdeckel bereits gefehlt, vielleicht auch dieses neue Register ganz am Anfang, vielleicht war das alles aber auch einfach schon schadhaft und nicht mehr zu erhalten. Wie dem auch sei, alles was gerettet werden konnte, erhielt einen neuen Einband und aus dem ursprünglichen Zwischenblatt wurde ein Titelblatt – was 2021 für Verwirrung sorgen sollte. 

Verwirren wollte Jacob Beringer indes keineswegs. Im Gegenteil, er war für äußerste Transparenz und Klarheit, ganz besonders in Bezug auf sein Herzensanliegen, die Evangelienharmonie. Wegen der vielen Druckfehler, die fallweise zu missverständlicher Lesart führen können, wendet er sich direkt an sein Publikum: Auch wenn dann und wann gantze wort oder etlich silben oder auch nur ein buchstab mangelt oder zu vil oder zu wenig gedruckt were und trotz der irrungen in den Reimen, so komme es doch letztlich darauf an, den Sinn der Evangelischen warheit erkennen zu wollen. Wie? - Durch das glosen des verstants. Beringer hat mündige Leser vor Augen, keine I-Tüpferlreiter: Bitt dich, wöllest dir auch helffen / unnd dem verstandt nach trachten / nit dem augen schein / so wirt dir auch geholfen.

Jacob Beringers weise Empfehlung, stets Sinn, guten Willen, ernstliche Liebe hinter Worten zu erkennen und sich nicht mit oberflächlichen Buchstabenklaubereien aufzuhalten, ist am 24. Dezember 2021 immerhin schon 495 Jahre alt, aber trotzdem alles andere als verstaubt. Wie der Versuch gelingen kann, Widersprüchlichkeiten in Einklang zu bringen oder nebeneinander stehen zu lassen, hat er zu Weihnachten mit seiner Evangelienharmonie der Welt vorgelegt.

Das Bibliotheksteam wünscht ein rundum harmonisches Weihnachtsfest!

Beringers Mission.
Behringer blickt durch. Fast eine Weihnachtsgeschichte. Teil 3

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Zurück zu Jakob Beringers Buch, frisch der Druckerpresse entnommen am Weihnachtsabend 1526. Dem durchblicksverwöhnten Konsument des 21. Jahrhunderts geht es damit kaum anders als dem neugierigen Leser 500 Jahre zuvor: Man muss nicht nur das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten dieses Werks durchschauen, sondern vor allem zunächst einmal wissen, was man da überhaupt vor sich liegen hat; eine Version des Neuen Testaments für Katholiken, die auf Luthers Übersetzung von 1522 basiert. Es gibt allerdings eine ganz entscheidende Abweichung: Aus den vier Evangelien bastelt Beringer eine einzige, durchgängige Geschichte über das Leben und Wirken Jesu. Der Fachausdruck dafür lautet „Evangelienharmonie“.

Am Beispiel der Weihnachtsgeschichte lässt sich gut zeigen, welche Idee dahintersteckt: Die Evangelien nach Markus und Johannes bringen etwa überhaupt nichts über die Geburt Jesu und die Erzählungen von Lukas und Matthäus sind auch ganz verschieden. Bei Lukas kommt ein Engel zu Maria, bei Matthäus ist es Josef, der von einem Engel die Botschaft erhält. Bei Lukas erfahren zuerst die Hirten von der Geburt, bei Matthäus sind es heidnische Weisen, angereist, dem Kind zu huldigen usw.

Grob gesagt ist es das Ziel einer Evangelienharmonie, inhaltliche Unterschiede zu glätten und Übereinstimmungen hervorzuheben, um so aus den vier Texten eine zusammenhängende Darstellung zu ziehen.

Nun ist Beringer weder der Erste noch der Letzte, der sich daran versucht hat. Ungewöhnlich und einzigartig ist allerdings, auf welche Weise er Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Evangelien nicht nur textlich, sondern auch in Bildern umgesetzt hat. Er verzichtet auf alle naheliegenden chronologischen oder thematischen Ordnungsprinzipien, sondern setzt origineller Weise auf geographische, nämlich die immer wieder genannten Orte aus der Bibel. Diese bilden die Bezugspunkte für alles was sich in, zwischen und rund um sie abspielt. So finden wir auf einem Bild etwa rechts oben Bethlehem, darunter Nazareth und links oben Jerusalem, kreuz und quer durch verschlungene Pfade miteinander verbunden. Auf diesen Wegen ist allerhand Volk unterwegs, es tut sich auch einiges in den sorgsam mit Ortstafeln versehenen Städten. Gleichzeitig an mehreren Orten sieht man dort und da Hirten, Engel, natürlich Maria und Josef (einmal ohne, einmal bereits mit Kind), den Boten mit dem Aufruf zur Volkszählung des Kaisers Augustus, den heiligen Johannes als neugeborenes Baby, im Nebenzimmer schon etwas größer bei seiner Beschneidung und etwas abseits als erwachsenen Prediger usw.

Bibeltext und Bilder kommunizieren miteinander, die Illustrationen erzählen komplex komponiert die Bibelgeschichte auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Dazu kommen Reime und andere Anmerkungen, die mit Buchstabenkürzel auf Bildausschnitte und bestimmte Textstellen verweisen. Abgerundet wird das alles durch eingestreute Piktogramme im dichten Gewusel der einzelnen Bilder, die man gezielt suchen und im Kontext richtig deuten muss. Auflösen kann das alles nur, wer Beringers Anleitungen am Beginn des Buches aufmerksam gelesen hat. Sieben solche „historischen Emojis“ werden dort vorgestellt, jedes mit einer bestimmten Bedeutung. Sie lassen sich immer wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen auf den über 60 Bildern finden.

Kein Wunder also, dass Beringer seine Vorred im Sinn einer Gebrauchsanleitung anlegen musste, in der er auch sein Anliegen formulierte: Die Bilder sollen dabei helfen, den Bibeltext besser zu verstehen und sind extra so gemacht, dass man darin suchen musswas nit allein lustig sei, sondern auch nutz und dazu anrege, über das Gelesene und Geschaute intensiv nachzudencken.

Den Ereignissen rund um die Geburt Jesu sind sogar mehrere ganzseitige Illustrationen gewidmet. Maria und Josef laufen dabei auf jedem davon munter mehrmals durchs Bild, hier von Nazareth nach Bethlehem, dort bereits im Stall angekommen, einmal mit Hirten, einmal mit den heiligen drei Königen. Letztere nähern sich gleichzeitig etwas weiter links unter der Führung des Sterns und befinden sich ein Stück weiter oben noch in Verhandlungen mit König Herodes. Am unteren Bildrand indes macht sich die heilige Familie bereits auf den Weg zurück nach Nazareth, während sie links oben noch mit einer Opfertaube den Tempel zur Beschneidung des Jesuskindes betritt.

Apropos Weihnachten: Wie war das nun mit der Datierung? Da passt doch irgendetwas hinten und vorne nicht zusammen? Richtig. Aber eigentlich ist es ganz unkompliziert. Wir werden der Sache sehr zeitnah auf den Grund gehen,

verheißt mit Engelszungen das Bibliotheksteam!

Beringers mission.
fortsetzung einer art Weihnachtsgeschichte aus der Stiftsbibliothek

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Es war nicht nur optisch ein außergewöhnliches Buch, das am Heiligabend 1526 in Strassburg gedruckt wurde, sondern vor allem inhaltlich brisant. Jacob Beringer muss gewusst haben, dass er sich durch diese Aktion wieder einmal in die Nesseln setzen und seinen Job riskieren würde. Als widerspenstig, unbelehrbar und eigensinnig war der Speyerer Domvikar dem Bischof ohnehin schon längst bekannt. Trotzdem entschied er sich dagegen, sein Werk anonym erscheinen zu lassen. Im Gegenteil. Durch den Hinweis, dass er es „auf eigene Kosten“ drucken ließ, übernahm er allein die volle Verantwortung. 

Was war im Vorfeld dieses Weihnachtstages 1526 geschehen, als die Drucklegung seines new testaments in die finale Runde ging? Der Titel lässt ja nicht unbedingt einen revolutionären Gassenhauer erwarten, noch viel weniger einen despektierlichen Skandal in der Speyerer Domszene. Wie konnte sich die Situation rund um Beringer so zuspitzen? 

Themen die polarisieren, mobilisieren und zur gesellschaftlichen Zerreißprobe werden, gab es immer. In einer solchen Epoche, geprägt von komplexen Fragen mit kirchlichem, politischen und sozialen Sprengpotential, lebte auch Jacob Beringer. Rückblickend nennen wir den großen Aufreger seiner Zeit die Reformation.


Mit den Ideen Martin Luthers zur Reformbedürftigkeit seiner Kirche konnte Domvikar Beringer durchaus etwas anfangen. Er blieb zwar katholisch, lieferte aber gezielt Störaktionen gegen althergebrachte Strukturen und Hierarchien. So boykottierte er durch lautes Schwatzen, Kommentare und Zwischenrufe das lateinisch gesungene Gebet seiner geistlichen Kollegen oder ging auf Urlaub, ohne erst lange die bischöfliche Erlaubnis dafür abzuwarten. Am liebsten hätte man sich am Dom seiner entledigt, allerdings war er zu gut mit den Bürgern Speyers bis in deren höchsten Kreise vernetzt. Man konnte es schlicht nicht riskieren, das ohnehin zwischen Traditionstreue und reformatorischer Neuausrichtung hin- und hergerissene Kirchenvolk zusätzlich aufzubringen. Beringer blieb und provozierte ungeniert weiter. Im Sommer 1526 wurde schließlich ruchbar, dass er vorhatte, nun auch noch ein luterisch buch drucken zu lassen – unser diesjähriges Weihnachtsbuch.

Wieder witterte das Domkapitel eine gute Gelegenheit, den ketzerischen Störenfried bei gutem Wind loszuwerden, wieder vergebens. Die kirchenpolitische Situation war inzwischen zu aufgeladen, zumal just zu dieser Zeit der Reichstag in Speyer abgehalten wurde, der zu einem aufreibenden Kräftemessen der evangelischen Stände mit dem katholischen Kaiserhaus geriet.

Dass der Speyerer Reichstag und sein Buchprojekt zeitlich zusammenfielen, kam Beringer nur gelegen. Er nutzte das politische Großevent, um mit seinem Werk ein Statement abzugeben. Es bot ja tatsächlich, wie andere katholische Bibelausgaben dieser Zeit auch, größtenteils unverändert den Text der lutherischen Bibelübersetzung. Das zentrale Anliegen, Gottes Wort für jedermann verständlich zu vermitteln, dem "Volk aufs Maul zu schauen" und "deutsch miteinander zu reden", teilte der Domvikar mit dem Reformer zu 100 %. Logisch, dass er mit seinem Buch auch die Ereignisse rund um die Weihnachtsgeschichte entsprechend interpretierte: 

Gott habe allen Menschen die Geburt Christi kundtun wollen, und zwar individuell zugeschneidert: jedem nach seinem Verstand und wie er es am besten begreift. Den einen also zum Beispiel mit Engeln (wie den Hirten), anderen wieder mit Sternen (den heiligen drei Königen). 

Diese und viele andere Rand- und Zwischenbemerkungen stammen nicht von Luther. Sie sind „original Beringer“ und von Luthers Bibeltext vor allem durch die winzige Schriftgröße zu unterscheiden. Sie liegt bei kleinstmöglichem Zeilenabstand auf rauem Papier zwischen bescheidenen 6 p. und 8 p., wie ein frisch ausgespuckter Vergleichstext aus dem Laserdrucker der Bibliothek nahelegt. Beringer muss auch in dieser Hinsicht von einer ungeheuren Scharfsichtigkeit seiner Leserschaft ausgegangen sein, wie denn überhaupt die Lektüre seines Werks eine nicht geringe Herausforderung an Konzentration, Kombinationsgabe und Sitzfleisch darstellt - gerade auch wenn es um das Weihnachtsevangelium geht.

Mehr dazu an einem anderen Tag im Advent. Gaudete!

 

 

Beringers großer Wurf. (In gewisser Weise auch) eine Weihnachtsgeschichte.                 

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Um heute noch über Jacob Beringer zu stolpern, muss man sich schon ziemlich bemühen. Am ehesten passiert es vielleicht Bibelforschern oder anderen Wissenschaftlern auf ganz speziellen Fährten. Es reicht natürlich auch schon aus, arglos das Buch mit der Signatur 9.422 aus einem Regal auf der Galerie im Prunksaal der Stiftsbibliothek zu ziehen und sich über die vielen comicartigen Wimmelbilder zu wundern, die einem dort entgegenhüpfen. Ebenso über das Titelblatt, das sich im krassen Gegensatz zu den dicht befüllten Seiten mit mageren zwei Zeilen seltsam bedeckt hält.  Angaben zum Autor? Irgendein Name? Fehlanzeige. Auch kein noch so klitzekleiner Hinweis darauf, wann und wo das Buch gedruckt wurde. Zudem ist just der Zettel zur Signatur 9.422 aus dem Nummernkatalog verschwunden. Oder steckt er unauffindbar an falscher Stelle eingeordnet? Er hätte vermutlich alle Rätsel mit einem Fingerschnipsen gelöst. Spätestens jetzt hat jeder halbwegs integere Bibliothekar Blut geleckt.

Einige mühsam aus der Literatur und dem Internet gestocherte Sackgassen später der Geistesblitz: Gibt´s vielleicht ein Kolophon im Buch? Das ist so etwas wie unser heutiges Impressum und in der Regel ganz hinten zu suchen, in mittelalterlichen Handschriften genauso wie in alten Drucken. Und siehe da:

Und ist diß büch gedruckt / in herr Jacob Beringers kosten / Zu Straßburg / von Johannis Grienigern / uff den Christ abent / an dem M. D. und XXVII. Jar.

Ausgestattet mit Namen und Jahreszahlen ist es natürlich ein Leichtes, herauszufinden, was man da eigentlich für ein Buch in der Hand hält... würde man glauben. Wie sich nämlich herausstellt, führt jede neue Information unweigerlich tiefer hinein in eine sehr verworrene Geschichte rund um den hitzköpfigen Domvikar Jacob Beringer aus Speyer und sein Buch, das ihn um ein Haar seinen Job gekostet hätte und das Dank ebenso genialer wie einfacher Tricks zum reinsten Suchtfaktor für aufmerksame Betrachter werden kann.

Ein Buch mit so ausgefuchsten Bildkompositionen unter anderem rund um die Weihnachtsgeschichte, versehen mit sichtlich bemühten, dabei erschütternd schlechten Reimen (wie der Autor selbst charmant einräumt), das noch dazu am 24. Dezember gedruckt wurde, hat es auf jeden Fall verdient, nach allen Regeln der Kunst vorweihnachtlich beleuchtet zu werden und uns durch den bibliothekarischen Advent zu begleiten. Auch wenn es zunächst nicht ganz einleuchtet, warum mit dem Christ abent 1527 in Wahrheit das Weihnachtsfest 1526 gemeint sein soll. Ganz abgesehen davon, dass das Melker Exemplar weder 1526 noch 1527 gedruckt wurde, sondern wohl 1532, auch wenn es ganz anders im Buch steht. Ausschlaggebend ist nämlich hier wieder einmal, was nicht mehr darin steht und was man sich zusammenreimen muss. Mehr darüber an einem anderen Tag im Advent.

Das Bibliotheksteam wünscht Ihnen bis dahin eine gute Zeit!


„Vorred in das new Testament. Concordantz Register der vergleichung in die vier Evangelisten.“

Vortrag über „Die 10 Gebote“ in der Melker Stiftsbibliothek
„Keine Phrasen, Hochwürden!“ – ein facettenreicher Einblick über einen der erfolgreichsten Texte der Weltliteratur

Geistvoll, erstaunlich, amüsant. Mag.a Bernadette Kalteis und Dr. Johannes Deibl, MA begeisterten vergangenen Freitag das Publikum mit ihrem Vortrag zu den 10 Geboten – dem Dekalog, der zu den einflussreichsten Texten der Weltliteratur zählt. Als Mitarbeitende der Melker Stiftsbibliothek gaben sie anhand des Buchbestandes einen über die Jahrhunderte dokumentierten, facettenreichen Einblick in die geistes- und religionsgeschichtliche Tradierung und Bearbeitung des Dekaloges, zu dem es eine nur schwer überschaubare Fülle an Interpretationen und Transformationen gibt.

Die Veranstaltung zählte zum Begleitprogramm der heurigen Sommerspiele Melk und ergänzte das Sprechstück thematisch. Intendant Alexander Hauer begrüßte das Publikum im Dietmayrsaal des Stiftes Melk, während auch die neue Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk, Simone Bamberg, interessiert lauschte. Abt Georg Wilfinger war sichtlich stolz auf sein Team, Historiker Dr. Gerhard Floßmann zeigte sich beeindruckt vom Fachwissen der Vortragenden und der kurzweiligen Vermittlung.

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JETZT WICKLET SICH DER HIMMEL AUFF...

Man könnte den Frühlingsbeginn kaum charmanter und bezaubernder in Worte fassen als Friedrich Spee (1591-1635) in seiner „Trutznachtigall".1 Auch die Literaturwissenschaft gerät ins Schwärmen: „Nie noch ist es vor Spee in deutschen Gedichten so Frühling geworden, mit solcher Gegenwart und Gegenständlichkeit, mit solcher lyrischen Plötzlichkeit: Jetzt wicklet sich der Himmel auf!“2

Die Melker Ausgabe der „Trutz Nachtigal / oder Geistlichs-Poetisch Lust-Wäldlein“ erschien 1672 in Köln. 1673 hat sich schon der erste Besitzer vorne im Buch eingetragen: Johannes Jacob Brassican von Emmerberg, blaublütiger Spross eines seit dem 16. Jh. in Österreich ansässigen Adelsgeschlechts. Wie, wann und warum sein Buch in Melk gelandet ist, bleibt ein Rätsel. Dafür zeigt eine kurze Recherche, dass sein Urgroßonkel ausgerechnet jener Johannes Alexander Brassicanus war, der 1528 in königlichem Auftrag die Stiftsbibliothek nach passenden Mansukripten durchforstet hat, um sie nach Wien mitzunehmen und sie dort drucken zu lassen. Eine kleine Genugtuung für den heutigen Bibliothekar stellt es also allemal dar, wenn die Bibliothek zum Ausgleich für diese Aktion wiederum durch einen Brassican einen angemessenen Bucheingang zu verzeichnen hat - immerhin das einzige historische Exemplar der Trutznachtigall im Bestand. weiterlesen ...

Ostern: Ein Stein im Zeugenstand

ROLLING STONE

Ostern auf lithotheologisch

Dem evangelischen Pfarrer Friedrich Christian Lesser (1692-1754) haben es die Steine angetan. Er rückt daher den vielleicht unscheinbarsten Nebendarsteller der Ostergeschichte in den Mittelpunkt der Ereignisse rund um die Auferstehung: den Stein vom Grab Jesu.

Ausgehend vom Grabstein formuliert Lesser eine Vielzahl an Fragen, etwa die nach dem genauen Zeitpunkt der Auferstehung (bevor oder nachdem der Stein vom Eingang weggerollt wurde?) oder nach der Architektur der Grabstätte; ob sie aus mehreren Kammern bestanden hatte, mit oder ohne Vorraum ausgestattet war und vor welcher der Türen dann wohl der betreffende Stein gelegen haben mochte. Vor allem aber geht es dem Autor darum: Wie zeigt sich Gottes Allmacht konkret an diesem Grabstein? Auf welche Weise bezeugt dieser Stein die Auferstehung?

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Hebräische Fragmente der Melker Stiftsbibliothek erinnern an die ‚Wiener Geserah‘ (1421)

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Aus Anlass der ‚Wiener Geserah‘ vor 600 Jahren (1421/2021) wurde die 2020 in den Vitrinen der Melker Stiftsbibliothek eingerichtete Sonderausstellung „SMS aus dem Mittelalter“ um einen Schwerpunkt über hebräische Fragmente ergänzt, die vermutlich nach 1421 als Makulaturen nach Melk gelangt sind. Der Gebrauch der hebräischen Textzeugen als Buchbindematerial steht womöglich im Zusammenhang mit jenem tragischen Ereignis, das sich vor 600 Jahren zugetragen hat.

10% der in Einbänden von Handschriften und Inkunabeln verarbeiteten Pergamentblätter tragen hebräische Schriftzeichen. So das Ergebnis des seit 1991 laufenden Projekts „Genizat Austria – Hebräische Handschriften und Fragmente in Österreichischen Bibliotheken“. Bis 2007 wurden 50 Standorte exklusive der Österreichischen Nationalbibliothek untersucht. In Melk tragen 74 Fragmente mit 101 Fragmentseiten hebräische Schriftzeichen (Daten zugänglich über https://hebraica.at).

Es ist kaum anzunehmen, dass man in Melk vollständige hebräische Handschriften besessen hat, die man im 15. Jahrhundert zerschnitten und als Makulatur verwendet hat. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass man hier Altpergament vor sich hat, das von Händlern als Kiloware an Buchbinder verkauft wurde. Es fällt auf, dass hebräische Fragmente im ostösterreichischen Raum vermehrt in Bucheinbänden des 3. Jahrzehnts des 15. Jahrhunderts auftauchen. Das könnte mit der sog. Wiener Geserah von 1421 zusammenhängen, in der die in Wien lebenden Juden verfolgt und entweder zwangsgetauft, vertrieben oder hingerichtet wurden. Vermutlich sind nach der Zerstörung der Wiener Synagoge im selben Jahr zahlreiche hebräische Handschriften vernichtet oder zerschnitten und dann von Händlern als Buchbindematerial verkauft worden.

In der Stehvitrine sind ausgestellt:

  • Melk, Fragm. hebr. XVI: Ex 17,11 ff. aus Cod. 208 („Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker…“).

In der Schlussschrift von Cod. 208, p. 435, in der die Handschrift auf 1422 datiert wird, wird Herzog Albrecht V. (1404–1439) als interfector, eradicator und extirpator omnium Iudeorum in Austria – als der, der alle Juden in Österreich ausgerottet hat – gepriesen. Da die Handschrift in Wien geschrieben und gebunden wurde, ist Wien als Herkunftsort sowohl des ursprünglich am Vorderdeckel aufgeklebten Fragments (Marienleich) als auch des am Hinterdeckel als Abdeckung verwendeten Fragm. hebr. XVI zu vermuten. Eine Verbindung des beidseitig beschriebenen hebräischen Fragments mit dem Text aus Ex 17,11 – 18,5 (ursprünglich aufgeklebte Recto-Seite) und Ex 18,5-16 (Verso-Seite) mit der Wiener Geserah von 1421 ist somit sehr wahrscheinlich.

 

  • Die in Cod. 1397 eingebundenen Pergamentblätter mögen als Beispiele für hebräische Fragmente dienen, die sich in situ in der Handschrift befinden, hier aufgeschlagen das leserichtig eingebundene, doppelseitig beschriftete und auf Buchgröße beschnittene Vorsatzblatt mit Abklatsch auf dem Buchdeckel, auf dem auch das Bibliotheksschild klebt. Der Text enthält den Kommentar von Shlomo b. Yiṣḥaq (Rashi) zu Jes 1,18–31.

 

Als wichtiges Textzeugnis aus der Wiener Synagoge vor 1421 waren Fragm. hebr. IV/1 (obere Hälfte eines Doppelblatts) und IV/2 (untere Hälfte eines Doppelblatts) von 2010 bis 2013 als Dauerleihgabe der Stiftsbibliothek Melk am Judenplatz in Wien ausgestellt. Beide Fragmente waren in der Inkunabel P.682 um 90 Grad gedreht als Makulatur eingebunden. Der erhaltene Text in aschkenasischer Quadratschrift entstammt dem Talmud, Ordnung Nashim (Frauen), Traktat Ketubbot, 30a–35a (behandelt die Pflichten für den Ehevertrag = Ketubba).

 

In der Mittelvitrine ist ausgestellt:
Melk, Fragm. hebr. VII: Yiṣḥaq b. Ya‘aqov Alfasi (Rif), Shlomo Yiṣḥaqi (Rashi): Hilkhot ha-Rif mit Rashi-Kommentar und einer Kommentarsammlung (u.a. aus Sefer Mordekhai) zu Traktat "Shabbat". – Pergament, 1 halbes Blatt; ca. 14. Jh.

 


 

Was wäre Weihnachten ohne Boz?

Boz,… pseud. Charles Dickens, steht auf dem Kärtchen im Zettelkatalog der Stiftsbibliothek unter „Bordoni – Ciceri“. Gegencheck in der Lade rechts davon („Cicero – Dorenwell“): Dickens, Charles… pseud. Boz. Ein Weihnachtslobgesang in Prosa; das heißt: Eine Weihnachts-Geistergeschichte. Stuttgart 1844. Na bitte.

Sein Pseudonym hatte sich Dickens schon in frühen Jahren zugelegt. Die ersten Veröffentlichungen erschienen allesamt unter diesem ausgefallenen Namen. Der leitet sich übrigens vom Spitznamen seines jüngeren Bruders August ab, den Charles in Anlehnung an eine literarische Vorlage „Moses“ nannte, was durch verschnupfte, verstopfte Bubennasen genuschelt zu „Boses“, schließlich in der ganzen Familie Dickens liebevoll zu „Boz“ wurde. Mit zunehmendem schriftstellerischen Selbstbewusstsein verwendete Dickens später öfter seinen richtigen Namen, so auch für den Weihnachtslobgesang, heute besser bekannt als „Ein Weihnachtslied“ (bzw. „Ein Weihnachtsabend“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“). Schon wenige Monate nachdem das englische Original „A Christmas Carol“ zu Weihnachten 1843 erschienen war, drängten zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen auf den Markt. 

Erinnern Sie sich an das deutschsprachige Melker Exemplar von 1844, aus dem Verlag der weinseligen, geschäftstüchtigen Gebrüder Franckh? Auf dessen Titelblatt findet man unter Charles Dickens´ Namen sicherheitshalber auch sein Pseudonym in Klammer hinzugesetzt, damit Fans und Boz-Leser das Werk richtig zuordnen konnten. Das erklärt natürlich auch, warum Dickens im Melker Bibliothekskatalog sowohl unter seinem Klarnamen, als auch unter dem Decknamen mit entsprechenden Gegenverweisen auftaucht. 

Nur gut, dass Dickens für seine Weihnachtserzählung vom nebenhöhleninspirierten Pseudonym abgegangen ist. Immerhin sind im Coronajahr 2020 Rotznasen und Mund-Nasen-Schutz alles andere als eine willkommene Kombination.

Ich habe mich in diesem gespenstischen Büchlein bemüht, den Geist einer Idee heraufzubeschwören, der weder meine geneigten Leser mit ihrer guten Laune, noch mit einander, noch mit der Jahreszeit, oder gar mit mir entzweien soll, schickt Dickens seinem Werk im Vorwort voran. Leider wird es in neueren Ausgaben oft nicht mehr abgedruckt. Die Idee von Weihnachten, die ein liebevolles Miteinander über alles andere stellt und Großherzigkeit und Empathie zum Motto ausruft, scheint derzeit eher wie ein frommer Wunsch zu klingen. Kein Wunder. Die gute Laune bröckelt schnell, wenn der coronabekränzte Spirit des anstehenden Festes allenthalben heraufbeschworen wird. 

Seit 1843 wurden die Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht wohl kaum einmal so unablässig bemüht: Heuer ist Weihnachten anders als bisher und wie es im nächsten Jahr aussieht, ist alles andere als abgemacht; eine Lehre, der sich nicht nur der miesepetrige, verstockte Ebenezer Scrooge nicht entziehen kann. Menschen die sich „gegen eine übermächtige Fremdbestimmung behaupten müssen“ (Oliver Bentz) - ein immer wiederkehrendes Thema in den Texten von Charles Dickens. Nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt scheint seine Weihnachtsgeschichte wie gemacht zu sein für 2020.

Es gibt aber noch einen viel überzeugenderen Grund, jetzt Dickens zu lesen, und das ist der feinsinnige, spitzzüngige Humor des Autors. Er durchzieht die gesamte Erzählung, auch in ihren düsteren Passagen. Nehmen Sie das als unbedingte Leseempfehlung für die kommenden Tage! Es macht gute Laune, und die ist in jedem Fall ein mehr als probates Mittel, um in Feiertagsstimmung zu kommen, Gutes zu genießen, Gutes zu tun und zum Wohl für sich und andere weihnachtliche Handlungsspielräume ausreizen bis zum Gehtnichtmehr - ganz Scrooge-like, jedenfalls so wie er am Schluss aufgestellt ist.

Möge er - der Geist - gerne und artig in Ihren Häusern spuken, und Niemand wünschen, daß er wieder verschwinde, hofft Dickens. Das Melker Bibliotheksteam schließt sich an und wünscht zusammen mit dem innerlich rundumerneuerten Scrooge, der vergnügt feststellt, sich so leicht wie eine Feder zu fühlen, so glücklich wie ein Engel, so lustig wie ein Schuljunge und so fidel wie ein Betrunkener:

A merry Christmas to everybody! A happy New Year to all the world.

Von Weihnachtsbüchern und Weihnachtsgeistern

Charles Dickens Weihnachtsgeschichte vom mürrischen, kaltherzigen Scrooge und den drei Weihnachtsgeistern ist eines von vielen tausend Büchern der Stiftsbibliothek, die in diesem Jahr in einer großen Umsiedelungsaktion in ein Übergangslager in neu adaptierte Räume des ehemaligen Juvenats des Klosters gebracht, gereinigt und dokumentiert wurden. Das Melker Exemplar mit dem Titel "Ein Weihnachtslobgesang" erschien 1844, nur wenige Monate nach der Erstveröffentlichung des englischen Originals kurz vor Weihnachten 1843. Herausgekommen ist es ist der  „Franckh´schen Buchhandlung“ in Stuttgart. Diese wiederum ist durchaus einer kurzen Betrachtung wert.

Dass die Brüder Johann und Friedrich Franckh 1822 die Konzession für die Eröffnung eines Verlags inkl. Buchhandlung erhielten, sorgte für einige Aufregung in der Szene. Noch nie zuvor war es Branchenfremden gestattet worden, einen Buchhandel zu führen. Und tatsächlich kamen die Franckhs aus einer gänzlich anderen beruflichen Ecke: sie waren Weinsteuereintreiber. In ihrem neuen Gewerbe bewiesen sie indes großes kaufmännisches Geschick und ein gutes Gespür dafür, was auf dem Buchmarkt aktuell gefragt war. Dazu gehörten die Werke beliebter zeitgenössischer Autoren aus dem Ausland, deren Übersetzungen bei den Franckhs so billig zu haben waren, dass die Preise für die Bücher teilweise sogar niedriger angesetzt waren als die Leihgebühren der öffentlichen Bibliotheken. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte war unter den ersten 100 Titeln, die im Verlag Franckh von Carl Spindler in der Reihe „Das belletristische Ausland“ herausgebracht wurden.

Mehr zu Dickens´ Geistergeschichte, seinem ausgesprochen rotznasigen Pseudonym und der damit verbundenen Empfehlung, sich lachend auf das diesjährige Weihnachtsfest zu freuen, gibt es Anfang nächster Woche exklusiv im Weihnachtsnewsletter der Stiftsbibliothek - und hier!

5. Mai 2020: SMS aus dem Mittelalter
Handschriftenfragmente der Stiftsbibliothek Melk und ihre Geschichte(n)

  • winzige Reste eines bekritzelten Pergamentblattes auf der Innenseite eines Buchdeckels
  • rostige Abdrücke von Buchbeschlägen auf einer alten Urkunde
  • Mittelalterliche Handschriften recycelt als Schutzumschlag für gedruckte Bücher
  • ein paar Buchstaben auf einem Falzstreifen, die spannender sind als das Buch selbst

Bis aus so einer Short Message aus der Vergangenheit eine Story wird, gleicht die Erforschung mittelalterlicher Handschriftenfragmente einer akribischen Schnitzeljagd durch Bücher, Bibliotheken und Archive. Oft sind es gerade die kleinsten Schnipsel im Buch, die die großen Geschichten erzählen und entscheidende Hinweise für die Wissenschaft liefern. Die neue Ausstellung der Stiftsbibliothek widmet sich genau diesen Blättern, Streifen und Stückchen, den Löchern Abdrücken, Rissen und Tintenstrichen - und den spannenden Rätseln die sie zu lösen aufgeben.

Lust auf mehr? - Gerne.
Stiftsbesichtigungen - inkl. Stiftsbibliothek - gibt es jetzt wieder täglich von 10 bis 17 Uhr (letzter Einlass 16.30 Uhr)

9. April 2020 - Ostergrüße aus der Stiftsbibliothek
Neugefärbte Oster-Ayr aus der Stiftsbibliothek OSTERN aus alt mach neu
Keine Ostermessen, keine dichtbesetzten Kirchenbänke, kein Friedensgruß und keine Handkommunion, keine Geselligkeit bei der Agape, kein „Frohe Ostern“-Händeschütteln - viele werden das Osterfest dieses Jahr völlig anders erleben als sie es gewohnt sind. Nämlich daheim. Der Vatikan verweist auf staatlich verordnete Versammlungsbeschränkungen, kirchliche Autoritäten tüfteln an Alternativkonzepten, von Live-Übertragungen der Gottesdienste bis hin zu Unterlagen für Feiern im häuslichen Rahmen. In dieser Form gibt die (Kirchen-)Geschichte quer durch alle Krisenzeiten nichts wirklich Vergleichbares her. Die Osterfeiertage im privaten Rahmen angemessen würdig zu begehen, dafür gibt es allerdings schon frühe Anregungen. Wir springen ins 18. Jahrhundert. Der berühmte Arzt und Naturwissenschaftler Johann Georg Krünitz beispielsweise hat einen sinnreichen, gleichwohl leicht umzusetzenden Tipp parat ... weiterlesen

3. April 2020 - MOX, LONGE, TARDE - das Bibliotheksteam wünscht alles Gute!
Version 2020
Man hatte zu spät reagiert, Warnungen in den Wind geschlagen, Einzelfälle ignoriert, den Ernst der Lage nicht erkannt - und dann war sie da, die Katastrophe, die Pest in Wien 1679. Die rasante Ausbreitung, Tausende Erkrankte und Tote überforderten das Gesundheitssystem, die Verwaltung brach zusammen, Schulen, die Universität, Gerichte usw. wurden geschlossen, Wien und Niederösterreich wurden zur Krisenregion.
So schnell es ging verließ Abt Edmund Lueger (1676-1679) zusammen mit den Studenten des Klosters Wien und machte sich auf den Weg nach Melk. mehr ...

Bild: Merian, Melk im Jahre 1677

20. März 2020 - Ein Beitrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auf facebook

Schon gewusst? In mittelalterlichen Handschriften könnt ihr von zu Hause aus blättern. Zum Beispiel in diesem Rechenbuch des 15. Jahrhunderts aus der Stiftsbibliothek Melk.
Wer sich ein bisschen in Mathe üben will - wie wäre es mit dieser Schlussrechnung in Frühneuhochdeutsch?

Es laufft ain hunt ainem fuchs nach, und derselb fuchs ist 300 schrit vor dem hunt und der hunt lauft als pald wann der fuchs 7 schrit lauft, so lauft der hunt 9 schrit.
Nu wil ich wissenn in wievil schriten der hunt den fuchsen derlauff etc.

Also: Ein Hund verfolgt einen Fuchs, der 300 Schritte vor dem Hund ist. Der Hund läuft natürlich schneller als der Fuchs, nämlich 9 Schritte in der Zeit, in der der Fuchs 7 läuft.
Nach wie vielen Schritten hat der Hund den Fuchs eingeholt?

Über das Portal manuscripta.at bietet das Institut für Mittelalterforschung unzählige wunderschöne Handschriften zum Durchblättern!