Die Melker Stiftsbibliothek

Das Besondere an einer Bibliothek wie der Melker Stiftsbibliothek ist, dass eine durch Jahrhunderte hindurch gewachsene Sammlung von Büchern in einem Ambiente präsentiert wird, das der historischen Bedeutung dieser Sammlung entspricht. Wer den barocken Bibliothekssaal betritt, staunt über die sich ihm darbietende Pracht, die Fülle an einheitlich gebundenen Bänden, die sich harmonisch in das Farbenspiel und die Architektur des Raumes einfügen. Er weiß spontan, hier geht es um Kostbares, um eine Welt von Büchern, die gelesen und benützt werden will, die zugleich aber dem Besucher und Benützer bedeutet, mit der gebührenden Ehrfurcht ans Werk zu gehen. Man könnte sagen, die barocke Bibliothek inszeniert sich selbst. Sie weckt Lust zum Lesen und fordert Respekt ein. Sie stellt zur Schau und entzieht das Geschaute doch zugleich dem unmittelbaren Zugriff. Sie schärft den Sinn dafür, was das Wesen einer Bibliothek ausmacht, nämlich Ordnung, die die Voraussetzung dafür ist, dass nichts von dem verloren geht, was ihr zu bewahren aufgegeben ist, und dass das solchermaßen Bewahrte zu gegebener Zeit auch wieder gefunden und benützt werden kann.



Der heutige Bibliothekstrakt entstand im Zuge des hochbarocken Neubaus der Klosteranlage durch Abt Berthold Dietmayr (1700–1739). 1731 schuf Paul Troger das Deckenfresko: Die Allegorien der einzelnen Wissenschaften und Künste sind im Architekturbereich des Deckenfreskos vertreten. Sie haben einen unübersehbaren Bezugspunkt: die Frauengestalt der Theologie im Zentrum, um die die vier Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit, Mäßigung) einen fröhlichen Reigen bilden, womit gesagt sein soll, dass der Wissenschaftsbetrieb an eine Ethik gebunden bleibt, die der Wissbegierde und ihrer praktischen Anwendung Grenzen setzt. Auch die „Politik“, die für Recht und Ordnung sorgt und so das Gedeihen der Wissenschaften und Künste erst eigentlich ermöglicht, ist eingebunden: Die Dreiergruppe im westlichen Teil des Deckenfreskos mit dem Hercules Christianus, der Austria (Herzogshut, Füllhorn mit Reichskleinodien) und Fackel verweist auf das Haus Österreich und – in Anknüpfung an das Thema des Deckenfreskos im gegenüber liegenden Marmorsaal – auf das von den Tugenden geleitete Regiment der Habsburger.

1735 war die Möblierung abgeschlossen. Im Kleinen Bibliothekssaal wurden die Handschriften und Frühdrucke aufgestellt. Die für den Großen Bibliothekssaal bestimmten neueren Bestände wurden einheitlich in braunes Rindsleder mit Goldrückenprägung gebunden. Eine grobe Schätzung ergab, dass etwa 12.000 Bände mit diesem speziellen Outfit versehen worden sind. Zumindest im unteren Geschoß des Hauptsaales ist die ursprüngliche barocke Anordnung bis heute im Großen und Ganzen erhalten. Die Allegorien der vier Fakultäten Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin an den Türen zeigen gleichzeitig die Systematik an, nach der die Bücher angeordnet wurden: Der „numerus currens“ beginnt bei den Bibelausgaben. Es folgen die Väterausgaben und theologische Werke der Antike und des Mittelalters. Die juristische Abteilung deckt das kirchliche und weltliche Recht ab. Der Bücherschrank nächst der Allegorie der Medizin an der westlichen Stirnseite enthält naturwissenschaftliche Werke. An der Längsseite im Norden folgen Werke zur Kirchen- und Profangeschichte, topographische Schriften und im Bücherschrank neben der Allegorie der Philosophie, in dem sich ursprünglich der Zugang zur Wendeltreppe befand, die auf Galerie führte (siehe die Grundrisszeichnung in der „Ichnographia“ von P. Martin Kropff von 1751), Lexika, Enzyklopädien und Miscellania. Im zweiten Geschoß auf der Galerie sind in analoger Anordnung die Kleinformate untergebracht, wobei im Übergang zwischen Deckenfresko und Bücherregal ein bis zwei Regalreihen nur scheinbar mit Büchern gefüllt sind. In Wirklichkeit handelt es sich um Buchattrappen aus Holz mit Fantasietitel wie „Anonymus des Xylo“, „Lignarus de Vacuo“, „Mahagoni Opera“, „Livres de belle apparance“ und Bandzahl.


P. Bernhard Pez (Bibliothekar 1709–1735) machte sich vor allem um die Neuordnung und Erschließung der Handschriften verdient, die mit den Frühdrucken im Kleinen Bibliothekssaal untergebracht waren, sein Schüler P. Martin Kropff (Bibliothekar 1739–1763) schuf das Konzept für die Aufstellung der Bücher im Hauptsaal.
Unter Abt Urban Hauer (1763–1785) wurde 1768 die Barockbibliothek im Obergeschoß um zwei Räume erweitert und als Zugang im Kleinen Bibliothekssaal eine Wendeltreppe eingebaut. In diesen Räumen, nach dem Schöpfer der Secco-Malereien auch „Bergl-Zimmer“ genannt, fand einerseits die naturkundliche Bibliothek, andererseits die unter Abt Urban Hauer großzügig ausgebaute Naturaliensammlung (Münzen, Medaillen, Mineralien, Conchylien etc.) Aufstellung.
Das 19. Jahrhundert brachte gemäß den Erfordernissen des Lehrbetriebes im humanistischen Gymnasium (seit 1804) und in der theologischen Hauslehranstalt (1822–1882) die Einbeziehung weiterer Räumlichkeiten im Obergeschoß, wie auch im Erdgeschoß, wo u.a. eine separate Kammer für die Handschriften eingebaut wurde. P. Vinzenz Staufer (Bibliothekar 1867–1889) besorgte die Neuaufstellung und Katalogisierung.
Die wirtschaftliche Not der Zwischenkriegszeit zwang zum Verkauf wertvoller Bestände, darunter ca. 30 Handschriften und 120 Inkunabeln. Auch das Melker Exemplar der Gutenbergbibel wurde 1926 veräußert (heute in der Yale University, New Haven, U.S.A.).
Die Bibliothek umfasst zur Zeit insgesamt ca. 100.000 Bände, darunter ca. 1800 Handschriften und 750 Inkunabeln. Im Großen und im Kleinen Saal der Bibliothek sind etwa 16.000 Bände zu sehen. Auch wenn im Laufe der langen Geschichte der Stiftsbibliothek Verluste durch Umwelteinflüsse (Brand, Feuchtigkeit, Wurmbefall...) und wirtschaftliche Notverkäufe zu verzeichnen waren, im Großen und Ganzen hat die Büchersammlung die Zeiten unbeschadet überdauert. Sie stellt heute ein kostbares Erbe dar, das in ihrer Zusammensetzung die Geschichte des im Jahr 1089 gegründeten und bis heute ohne Unterbrechung bestehenden Benediktinerklosters widerspiegelt.


Bibliotheksplan aus Cod. 1906 (P. Martin Kropff, "Ichnographia")
 

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Publikationsreihe der Melker Stiftsbibliothek:

Thesaurus Bestellinformation...

NEU
„Thesaurus Mellicensis“, Bd. 4, erschienen 2017. In Zeit und Ewigkeit - Melker Anekdotensammlung aufgezeichnet und herausgegeben von Gottfried Glaßner OSB mit Zeichnungen von Thomas Strohmaier,
erhältlich in den Stiftsshops und unter shop@stiftmelk.at Preis: € 24,90



ISBN: 978-3-9503864-3-1



„Thesaurus Mellicensis“, Bd. 3, erschienen 2016.
SONDERBAND mit dem Titel "UNIVERSITÄT und KLOSTER" "Melk als Hort der Wissenschaft im Bannkreis der Universität Wien - fruchtbarer Austausch seit 650 Jahren",
erhältlich in den Stiftsshops
und unter shop@stiftmelk.at Preis: € 24,90



ISBN: 978-3-9503864-2-4

 


„Thesaurus Mellicensis“, Bd. 2, erschienen 2014. Melk in der barocken Gelehrtenrepublik. Die Brüder Bernhard und Hieronymus Pez, ihre Forschungen und Netzwerke, hg. von Cornelia FAUSTMANNGottfried GLASSNERThomas WALLNIG. Preis: € 19,90, erhältlich in den Stiftsshops und unter shop@stiftmelk.at )

ISBN: 978-3-9502328-8-2
Buchvorstellung

 

„Thesaurus Mellicensis“, Bd. 1, erschienen 2009 als Begleitpublikation zur Sonderausstellung 2009 in der Melker Stiftsbibliothek. (Preis: € 14,90 erhältlich in den Stiftsshops und unter shop@stiftmelk.at )

ISBN: 978-3-9502328-1-3
 

Neuere Publikationen:
Gottfried Glaßner: Christliches Ethos und klösterliche Buchkultur. Die Geschichte der Melker Stiftsbibliothek als Wegweiser zu einer Lebensform im Horizont christlicher Werte. In: Weingartner Paul/Schmölz Franz-Martin (Hrsg.), Werte in den Wissenschaften. Festschrift zum 30jährigen Bestehen des Internationalen Forschungszentrums in Salzburg, Innsbruck-Wien 1991 (Veröffentlichungen des Internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften Bd 47), S. 295-324.

Christine Glaßner / Alois Haidinger: Die Anfänge der Melker Bibliothek. Neue Erkenntnisse zu Handschriften und Fragmenten aus der Zeit vor 1200. Präsentiert im Rahmen der Sonderausstellung aus Anlaß „1000 Jahre Ostarrichi“. Stift Melk 1996.

Gottfried Glaßner: Melk, Bibliothek des Benediktinerstiftes. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Österreich Bd. 3, Hildesheim-Zürich-New York 1996, S. 146-157.

Gottfried Glaßner: Die Stiftsbibliothek Melk. In: 25. Österreichischer Bibliothekartag St. Pölten. Menschen in Bibliotheken. Wer und Was in St. Pölten. Informationsbroschüre zum 25. Österreichischen Bibliothekartag FestSpielHaus St. Pölten, 15.-19. September 1998. Wien 1998. S. 128-138.

Christine Glaßner: Inventar der Handschriften des Benediktinerstiftes Melk. T. 1. Von den Anfängen bis ca. 1400 (Denkschriften der ÖAW, phil.-hist. Klasse 285 = Veröffentlichungen der ÖAW, Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Reihe 2 = Verzeichnisse der Handschriften österreichischer Bibliotheken 8). Wien 2000.

Christine Glaßner: Neuzeitliche Handschriften aus dem Nachlass der Brüder Bernhard und Hieronymus Pez in der Bibliothek des Benediktinerstiftes Melk (Denkschriften der ÖAW, phil.-hist. Klasse Bd. 372 = Veröffentlichungen der ÖAW, Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Reihe 4 Monographien Bd. 7). Wien 2008.

Gottfried Glaßner: Library of the Melk Abbey. In: Temples of Knowledge. Historical Libraries oft the Western World. Historical essays and project coordination by Friedrich Krinzinger. Istanbul 2009, S. 35-37.

Ursula Offermann: Die Melker Bibliotheks-Inschriften – ein Rätsel? In: Neulateinisches Jahrbuch Bd. 11 (2009), S. 99-107

Gottfried Glaßner: Der Büchernachlass des Dr. Johannes Häringshauser (1603-1642) in der Melker Stiftsbibliothek. In: Klosterbibliotheken der frühen Neuzeit. Süddeutschland, Österreich, Schweiz. Akten der Tagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte und der Stiftsbibliothek St. Gallen 28. bis 30. April 2011. Hrsg. von Ernst Tremp (Bibliothek und Wissenschaft 45). Wiesbaden 2012, S. 179-193.