PEACE BRUNCH 2015
im Rahmen der interreligiösen und interkulturellen Begegnung
im Stift Melk aus Anlass der Woche der interreligiösen Harmonie der Vereinten Nationen,
am 8. Februar 2015

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Peace Brunch – interreligiöses Treffen

Eine Vorlaufzweit von nur etwa zwei Wochen musste genügen, um im Stift Melk einen Peace-Brunch zu organisieren. Angesichts der Anschläge von Paris, der eskalierenden Gewalt durch IS und Boko Haram sowie der islamophoben PEGIDA-Bewegung sollte am 8. Februar 2015, zum Auftakt der von der UNO proklamierten Woche interreligiöser Harmonie, ein gemeinsames Statement verschiedener Religionsgemeinschaften für den Dialog gesetzt werden. Die Initiative dazu war ausgegangen vom Botschafter des haschemitischen Königreiches Jordanien, seiner Exzellenz Hussam AlHusseini, von Reinhard Gosch vom Verein für den Dialog zwischen den Kulturen, Frau Gesandter Aloisia Wörgetter vom Task Force „Dialog der Kulturen“ (Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres) und P. Martin Rotheneder vom Stift Melk. Neun der in Österreich anerkannten (bzw. eingetragenen) Religionsgemeinschaften sowie zahlreiche Botschaften und Organisationen, die sich in irgendeiner Weise um interreligiösen Dialog bemühen, sind der Einladung gefolgt.

Das Stift Melk versteht sich als offener und gastfreundlicher Ort. Dieser so schöne Ort gehört nicht der Gemeinschaft der Benediktiner alleine und kann nur in dem Maß lebendig sein, wie er auch mit anderen Menschen geteilt und von ihnen belebt wird. Der Aufnahme von Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionen muss dabei eine hohe Bedeutung zukommen. Die erste Frage im Rahmen einer derartigen Begegnung darf niemals lauten, welcher Religion gehörst du an, sondern was finden wir Gemeinsames, Verbindendes und Ergänzendes in unseren Traditionen.
 
Zu Beginn versammelten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Stiftskirche, wo Stiftsorganist Josef Schweighofer mit dem Choralvorspiel zu „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (Joh. Seb. Bach, BWV 645) die interreligiöse Begegnung eröffnete. In seinen Begrüßungsworten hob Abt Georg Wilfinger sodann hervor, dass Melk als Grabstätte des hl. Koloman zu einem Bemühen um Dialog verpflichte, zumal Koloman, ein fremder Pilger, der der Sprache der Einheimischen nicht mächtig war, aufgrund von Misstrauen, Furcht und dem Ausbleiben des Dialoges hingerichtet wurde:
„Waren Misstrauen, Vorurteile und fehlende Übersetzung der Grund für die Ermordung Kolomans, so verpflichtet sein Gedächtnis heute dazu, dass das Stift Melk ein Ort des Dialoges sein muss. Eines Dialoges, der sich nicht durch die Angst vor dem anderen, dem Fremden beherrschen lässt, sondern ein Miteinander sucht. Daraus erwächst uns auch eine Verpflichtung, die wir an unsere 900 Schüler und Schülerinnen weitergeben wollen. Auf dem Boden einer langen Geschichte versuchen wir, nicht in der Tradition stecken zu bleiben, sondern heutigen Anforderungen zu entsprechen. Eine davon ist, den Dialog mit anderen Religionen zu finden. Es bedarf unserer aller Anstrengung, nicht das Trennende zu betonen, sondern das Verbindende zu suchen, das uns alle weiterbringt auf dem Weg zum ureigensten Anliegen der Religionen: der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen.“

Der weltweit bekannte Benediktiner David Steindl-Rast hielt daraufhin in deutscher und englischer Sprache den spirituellen Eröffnungsimpuls. Der erste Schritt zu einem Dialog sei es, unsere Angst, die ein Existenzial des Menschen darstellt, anzunehmen. Ihr gälte es, nicht mit Furcht zu antworten, sondern sie mit Mut durchzutragen. Aus der Furcht entsprängen Gewaltbereitschaft, Neid, die Angst, zu kurz zu kommen, während der Mut die Grundlage für Kooperation und Dialog sei. Viele der weiteren Redner bezogen sich in ihren Statements auf die einleitenden Worte von Bruder David.

Überrascht hat danach das Spiel des Sufi-Musikers Gernot Galib Stanfel, der gleichsam ein islamisches Wienerlied sang und sich dazu auf der Laute begleitete.

Die zweite Station stellte die Stiftsbibliothek dar, wo Bibliothekar P. Gottfried Glaßner Einblicke in besondere Schätze der Bibliothek bot: Zu sehen waren zwei Fragmente von Thorarollen, eines aus der Barockzeit, das andere aus dem 19. Jh., zwei prachtvolle Ausgaben des Koran aus dem 16. bzw. 17. Jh., das Melker Missale und eine polyglotte Bibel, welche den biblischen Text in mehreren orientalischen Sprachen darbietet.

Im Marmorsaal, der dritten Station, ergriff zunächst seine Exzellenz Hussam AlHusseini das Wort und betonte, dass die Propheten der monotheistischen Religionen alle sein Heimatland Jordanien durchwandert haben. Judentum, Christentum und Islam haben dort einen Teil ihrer Wurzeln. Danach wurden von den Vertretern der anwesenden Religionsgemeinschaften zwei aus Jordanien stammende Olivenbäume als Friedenssymbol gepflanzt. Im Gefolge dieser Zeremonie sprachen Frau Gesandte Aloisia Wörgetter für das Außenministerium, der Generaldirektor der OFID Suleiman Jasir Al-Herbish und Landeshauptmannstellvertreter Wolfgang Sobotka im Namen des Landeshauptmanns. Letzterer betonte, dass gerade in einem interreligiösen Dialog der Boden der Aufklärung nicht verlassen werden dürfe. Allerdings habe diese die emotional-affektive Dimension des Menschen, wie sie gerade von den Religionen und den mit ihnen verbundenen symbolischen Ordnungen zum Ausdruck gebracht werde, vernachlässigt. Aufgabe des 21. Jahrhunderts sei es, diese beiden Ebenen miteinander in eine Verbindung zu bringen.

Der Gruppe wanderte sodann in den Dietmayrsaal, an die vierte Station, wo Reinhard Gosch eine Abordnung der Wiener Sängerknaben unter der Leitung von Gerald Wirth sowie den Oberkantor der jüdischen Gemeinde Shmuel Barzilai und den Pianisten Bela Koreny begrüßte. Letztere begeisterten die Anwesenden mit zwei schwungvollen Liedern. Großen Applaus erhielten auch die Sängerknaben, die Jay Ganaraya, ein Hindu Lied, Mankuto maola, ein muslimisches Qawwali und ein jordanisches Volkslied sangen. Den Höhepunkt bildete das jüdische Lied Ose Shalom, welches die Wiener Sängerknaben gemeinsam mit dem Oberkantor aufführten.

Zwischen den Liedern folgten kurze Statements der Vertreter der anwesenden Religionsgemeinschaften. Generalsekretär Raimund Fastenbauer sprach für die Israelitische Religionsgesellschaft, Tarafa Baghajati für die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, emeritierter Bischof Bernhard Heitz für die Altkatholische Kirche, Präsident Gerhard Weissgrab für die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft, Oberkirchenrat Karl Schiefermaier für die Evangelische Kirche in Österreich, Mehmet Sariyar für die Islamisch Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich, Kirchensprecher Walter Hessler für die Neuapostolische Kirche in Österreich und Präsident Naresh Sheetal für die Hinduistische Religionsgesellschaft in Österreich. Als Vertreter der Zivilgesellschaft kam der stellvertretende Chefredakteur der NÖN Thomas Jorda zu Wort.

In der Absage an Gewalt waren sich alle Sprecher einig. Von islamischer Seite gab es eine klare Distanzierung gegenüber dem Terror von IS und Boko Haram. Zwei Probleme wurden immer wieder benannt: Zum einen seien interreligiöse Dialogveranstaltungen keinerlei Garantie dafür, dass sich tatsächlich etwas verändere, sondern stünden in der Gefahr, folgenlos zu bleiben. Zum anderen bestehe die Gefahr, dass jener Dialog, der auf Ebene führender Religionsvertreter gelinge, auf den Ebenen gar nicht wahrgenommen werde, wo die eigentlichen Probleme zu finden seien. Wie kann es möglich sein, den Impuls des Dialoges auch über derartige Veranstaltungen hinauszutragen, ihm eine Nachhaltigkeit und Breitenwirksamkeit zu geben und aus dem Dialog eine Form von Kooperation folgen zu lassen? Könnte, so fragte Generalsekretär Raimund Fastenbauer, die nach Jahrhunderten christlicher Unterdrückung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete neue Beziehung von Judentum und Christentum ein Vorbild für andere Religionskonflikte sein? Eine schöne Koinzidenz ergab sich, zumal Tarafa Baghajati sein Statement auf einen Vers aus der 14. Sure des Korans aufbaute, wo es heißt: „Ein gutes Wort ist wie ein guter Baum, dessen Wurzel fest ist und dessen Zweige in den Himmel reichen.“ Damit war die Zeremonie der Pflanzung der Olivenbäume auch in den Statements eingeholt.

In mehreren Reden suchten die Religionsvertreter in den Traditionen ihrer Glaubensgemeinschaft nach Ressourcen, die es ermöglichen, fundamentalistischen und radikalen Tendenzen entgegenzutreten. Diese finden sich in der Geschichte aller Religionen und gehören zu deren Erbe. Gleichwohl gibt es in allen Religionen auch eine überbordende Form von Zuwendung zum anderen, von Barmherzigkeit, Liebe und Gastfreundschaft. Die Aufgabe der Religionen heute muss es sein, aus ihren eigenen Traditionen, aus ihren Riten und Texten heraus gegen die fundamentalistischen Anteile in ihnen selbst aufzutreten. Was Staat und Zivilgesellschaft von den Religionen heute berechtigterweise erwarten können, und zwar von allen, ist, dass sie ihre eigenen Ressourcen nutzen, um gegen Tendenzen der Radikalisierung einzustehen.
Als fünfte Station waren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des interreligiösen Treffens im Festsaal der Prälatur zum Peace Brunch eingeladen, wo der zwanglose Dialog im Mittelpunkt stehen sollte.

Es wäre überzogen zu erwarten, dass diese Veranstaltung unmittelbar irgendwelche Probleme innerhalb der Religionen, zwischen den Religionen oder auch die Verwerfungen, die es zwischen Religionen und dem säkularen Staat gibt, lösen könnte. Wir müssen eingestehen, dass wir für viele Fragen heute keine Antworten haben. Allerdings kann der Peace Brunch ein Zeichen sein, eine symbolisch verdichtete Begegnung, aus der mancher vielleicht ermutigt hervorgeht und weitermacht.
Unbestritten bleibt, dass der Dialog, das Treffen und der Austausch verschiedener Religionen von Angesicht zu Angesicht auf allen Ebenen weitergehen müssen. Konflikte wird es geben, aber sie sind niemals durch Gewalt, sondern im Dialog zu lösen.
 

Links zu weiteren Presseberichten

http://www.kathpress.co.at/site/nachrichten/database/67785.html

http://religion.orf.at/stories/2693259/

http://www.dioezese-linz.at/portal/home/news/article/19518.html

http://www.evang.at/themen/nachrichten/detail/article/peace-brunch-in-melk-religionsvertreter-fuer-furchtlosen-dialog/

http://www.un.org/en/events/interfaithharmonyweek/

http://www.gebaerdenwelt.tv/artikel/leben/mehrleben/2015/02/06/20150206842401312.html

http://www.katholisch.at/site/home/aktuelles/article/108829.html